Mit dem Tropenhelm ins Ländle

Vorarlberg / 28.03.2021 • 10:00 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Mit dem Tropenhelm ins Ländle
VOLARE, VORARLBERGER LANDESBIBLIOTHEK, SAMMLUNG RISCH-LAU

Vorarlberg galt und gilt bei vielen Innerösterreichern als sonderbar und exotisch. Immer wenn hierzulande etwas außergewöhnliches geschieht, werden in Wien die Ländleklischees abgestaubt. Ein Vorarlberg-Artikel ohne Verweise auf Fleiß und Eigenwillen der Bewohner wäre so undenkbar wie ein deutscher Medienbeitrag über Österreich, der ohne Begriffe wie Alpenrepublik und Kaffeehaus auskommt. Das Interesse kocht dieser Tage wieder hoch, nachdem der Osten in einen fünftägigen Tauchsieder-Lockdown geht, während in Vorarlberg die Gastgärten offen sind – sieht man einmal vom bedauernswerten Leiblachtal ab. Vorarlberg ist mit dieser Aufmerksamkeit vor allem dann glücklich, wenn es gelobt wird und keine Schiffstaufen anstehen. Wirkliches Interesse am fernen Westen entstand erstmals, als Vorarlberg nach dem Ende des Ersten Weltkrieges als gewissermaßen letztes fremdsprachiges Land bei Österreich verblieb. „In den Jahren seit der Entstehung der Republik Österreich ist das Interesse für unser Land in Österreich gewachsen“, vermerkte Landeshauptmann Otto Ender 1931 zufrieden. Die „Neue Freie Presse“ druckte daher vor 90 Jahren eine eigene Sonderbeilage, um den Wissensdrang über diese fremde Zone vor dem Arlberg zu stillen. Das Vorwort schrieb der damalige Bundeskanzler Karl Buresch. Er brachte auf den Punkt, was viele noch heute fasziniert: Die konservative Fortschrittskraft der Vorarlberger. Diese seien ein prächtiger Menschenschlag, „der heimische Sitte als kostbares Erbgut bewahrt und doch so außerordentlich aufnahmsfähig ist für alles gute Neue“. Landeshauptmann Ender versuchte in seinem Geleitwort die (aus innerösterreichischer Sicht doch in unangenehmer Erinnerung gebliebene) Geschichte mit der Volksabstimmung über den Anschluss an die Schweiz zu kalmieren. Vorarlberg, so rechtfertigte er sich zwischen den Zeilen, hätte eben „früher nur halb zu Österreich“ gehört. Nun wünschte man sich vom Bund vor allem günstigere Eisenbahntarife, um Waren aus dem und Touristen ins Land zu bringen. Auch Finanzlandesrat Johann Josef Mittelberger war um einen Beitrag zur Finanzlage des Landes gebeten worden und tat darin sein Möglichstes, um den Lesern der „Presse“ das Klischee vom sparsamen Alemannen näherzubringen: Es wäre einfach, in der öffentlichen Verwaltung Geld einzunehmen, so Mittelberger, „schwerer ist es schon, wenig auszugeben“. Einige seiner Worte könnten wohl auch heute noch fallen: „Man hat in Vorarlberg nie vergessen, dass die Einnahmewirtschaft von der Ausgabewirtschaft bedingt ist. Dabei muss man auch im Kleinsten sparen. Aus Kleinem, ja manchmal Kleinlichem setzt sich das Große zusammen“.

Moritz Moser ist Journalist in und aus Feldkirch. Twitter: @moser_at