Gerold Riedmann

Kommentar

Gerold Riedmann

Stabiler und positiver als befürchtet

Vorarlberg / 09.04.2021 • 22:30 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Herbert Sausgruber hat sein Land anders als die heutige Bundesregierung nicht per SMS oder Chatnachrichten regiert. Sausgrubers Markenzeichen waren unzählige gelbe Haftnotizen. Und morgendliche Telefonanrufe beim Personal, durchaus gefürchtete Anrufe. Erkennungszeichen und Warnung war die Festnetz-Telefonvorwahl seines Wohnortes Höchst, 05578. Seine Wirkensperiode fiel in eine wahrlich andere Zeit.
Gestern bot “Vorarlberg Live” die seltene Gelegenheit, mehr von Sausgrubers Meinung zur aktuellen Politik zu erfahren. Er, der 14 Jahre lang Landeshauptmann von Vorarlberg war und drei Jahrzehnte lang politische Ämter ausübte, hält sich nobel zurück, seit er 2011 sein Amt übergeben hat.
Seine „Beobachtungen eines politischen Fußgängers“ waren die Basis für eine Interviewserie in dieser Zeitung, er brachte sie auch als “Verdichtete Erinnerungen – Grundlagen erfolgreicher Gemeinschaften“ zu Papier. Was unweigerlich zur Frage führt, wie erfolgreich Herbert Sausgruber denn unsere Gemeinschaft heute, in dieser Pandemie bewertet.
“Der Zusammenhalt ist stabiler und positiver, als ich es ursprünglich befürchtet habe.” Wer Sausgruber kennt, weiß, dass das die höchste Form des Lobes ist.
Natürlich konstatiert auch er einen Rückgang der Solidarität mit dem Fortgang der Krise. Nur: “Wir hatten bei früheren, kleineren Katastrophen auch mit dem Schock des Ereignisses eine unglaubliche Welle der Solidarität”, erinnert Sausgruber an das Hochwasser im Jahr 2005. Aber mit den Wochen sei eine Rückbildung zum normalen Alltagsgeschehen zu beobachten gewesen. Eigeninteressen, Gruppeninteressen treten wieder in den Vordergrund. Normalität. “Das ist zutiefst menschlich”, so Sausgruber. Die Pandemie habe zu vielen mentalen Überforderungen geführt, zu vielen wirtschaftlichen Überforderungen. Somit wertet der Alt-LH es als “Überraschung, wie sehr ein Großteil der Bevölkerung weiterhin diszipliniert ist.” Natürlich nicht mehr so, wie vor einem Jahr. Luft nach oben ist immer, klar.
Es gelte zu erkennen: “Wir können uns aus dieser Krise herausimpfen und heraustesten, wenn möglichst viele mitmachen.”
Wie Bundespräsident Alexander van der Bellen, der gestern geimpft wurde, wartete der heute 76-jährige Sausgruber auch, bis er dran war. Ein kleiner Stich sei es gewesen, am Karfreitag, bestens organisiert. Ein deutlicher Aufruf, sich zur Impfung anzumelden.

Der flammende Appell gilt längst nicht mehr nur für die Alten. Wer die Vormerkungen zur Impfung analysiert, stellt fest, dass sich vor allem in der bald folgenden Altersgruppe der 45- bis 65-Jährigen bislang unterdurchschnittlich viele – also zu wenige – Vorarlbergerinnen und Vorarlberger angemeldet haben.
“Ich freue mich sehr, dass jetzt endlich Impfstoff kommt und hoffe dass sich Viele, die es bisher skeptisch gesehen haben, sich überzeugen lassen, dass uns die Impfung schneller – auch wirtschaftlich – aus der Krise führen kann.”

Gerold Riedmann ist Chefredakteur der Vorarlberger Nachrichten.