Primar Philipp Kloimstein: “Die wahre Krise kommt erst noch”

Vorarlberg / 05.05.2021 • 18:00 Uhr
Primar Philipp Kloimstein: "Die wahre Krise kommt erst noch"
Präsentation des Jahresberichts 2020 (v.l.): Primar Philipp Kloimstein, Maria-Christina Rehberger (Leiterin der Psychologie des Krankenhauses Maria Ebene), Andreas Prenn (Leiter der Supro) und Wolfgang Grabher (Leiter des Clean Bregenz und Feldkirch). VN/PAULITSCH

Herausforderndes Jahr für die Stiftung Maria Ebene. Durch die Coronakrise kam es zu einem Anstieg von Suchterkrankungen, berichten die Verantwortlichen.

Frastanz 2020 wird wohl als das Jahr in die Geschichte eingehen, in dem das Coronavirus die Welt auf den Kopf stellte. Auch für die Stiftung Maria Ebene stand das Vorjahr im Zeichen der Pandemie. So mussten im Frühling sowohl das Krankenhaus Maria Ebene als auch die Therapiestation Lukasfeld kurzfristig als psychiatrisches Notkrankenhaus Fälle der Psychiatrie Rankweil übernehmen und damit die Kapazitäten zur Behandlung von suchterkrankten Menschen reduzieren. „Der erste Lockdown hat gezeigt, dass es im Suchtbereich zu einem Anstieg gekommen ist“, erklärte Primar Philipp Kloimstein, der im April des Vorjahres die ärztliche Leitung der Stiftung übernommen hat, bei der Präsentation des Jahresberichts 2020. Aus diesem geht hervor, dass die Coronakrise massive Auswirkungen auf suchtkranke Menschen hat. So kam es bei den Beratungsstellen Clean zu einem Zuwachs von rund 13 Prozent an neuen Klienten, und das, obwohl die ambulante Suchtbetreuung teilweise auf telefonische Beratung umgestellt werden musste.

Verwaltungsdirektor Günter Amann bedankte sich für den Einsatz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stiftung.
Verwaltungsdirektor Günter Amann bedankte sich für den Einsatz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stiftung.

Im Krankenhaus Maria Ebene standen wenige Wochen nach der teilweisen Wiederöffnung für die Behandlung von Suchtkranken zwölf Prozent mehr Patienten auf der Warteliste für Therapieplätze. „Viele Patientinnen und Patienten, die wegen des Lockdowns die Therapie abbrechen mussten, wurden trotz telefonischem Kontakt rückfällig. Hinzu kommen neue Suchtentwicklungen, insbesondere bei belasteten Berufsgruppen, etwa aus der Gastronomie oder dem Tourismusbereich“, informierte Maria-Christina Rehberger, psychologische Leiterin des Krankenhauses. Zukunftsängste und vermehrte psychische Belastungen führen darüber hinaus häufiger zu Depressionen und Suchtverhalten.

Kloimstein geht davon aus, dass die Patientenzahl auf lange Sicht deutlich ansteigen wird und dass erst in den nächsten Jahren die volle Anzahl der zusätzlichen Suchterkrankungen ersichtlich sein wird: „Die wahre Krise kommt erst.“

Jahresbericht 2020 Stiftung Maria Ebene

Die Auslastung des Krankenhauses Maria Ebene und der Therapiestation Lukasfeld, die vorübergehend als Notspital fungierten, betrug über das ganze Jahr verteilt 68 Prozent. Insgesamt wurden 504 Patientinnen und Patienten stationär behandelt, 95 weniger als im Vorjahr.

In der Ambulanz des Krankenhauses konnten allerdings – aufgrund der Coronasituation und der Trennung der Patientenströme – nur halb so viele Fälle wie im Vorjahr behandelt werden, nämlich 674.

Ein klarer Anstieg verzeichneten die Beratungsstellen Clean in Bregenz, Feldkirch und Bludenz: 37.104 Leistungen an Klientinnen und Klienten – rund 13 Prozent mehr als im Vorjahr. 1198 Personen wurden betreut. Auffällig war der Anstieg von knapp 11 Prozent der betreuten Personen in Bludenz.

Die Supro – Gesundheitsförderung und Prävention konnte in Summe 3954 Personen erreichen, das entspricht im Vergleich zum Vorjahr weniger als der Hälfte. Bei den telefonischen Beratungsangeboten und Kriseninterventionen konnte eine Steigerung von 60 Prozent beobachtet werden.

Primar Philipp Kloimstein (l.) und Verwaltungsdirektor Günter Amann.
Primar Philipp Kloimstein (l.) und Verwaltungsdirektor Günter Amann.