Schulterschluss über den Rhein – Rheintal soll „Riebelland“ werden

Richard Dietrich tauscht sich mit Ostschweizer Riebel-Experten noch intensiver aus.
Lauterach, Dornbirn „Unser Riebelprojekt ist auf gutem Weg“, freut sich Richard Dietrich aus Lauterach beim Lokalaugenschein auf dem Bluamahof der Dornbirner Familie Maaß/Wohlgenannt, wo er „die allerletzten Reste von Saatgut“ ablieferte. Und das im wahrsten Sinne des Wortes, denn auf seinem Lauteracher Hof mussten dafür sogar die als Dekoration aufgehängten Maiskolben herhalten.
Die Saat kann aufgehen
„Wir haben buchstäblich bis zum letzten Maiskorn alles verbraucht“, meint er, während er einen halbvollen Sack Saatgut aus dem Kofferraum holt, damit die Körner in die riesige Maschine eingefüllt werden können. „Jetzt hoffen wir natürlich auf einen guten Sommer und Herbst, damit die Saat auch aufgehen kann und reiche Ernte bringt“, gibt sich der initiative Lauteracher Experte zuversichtlich, dass die Rekordernte des Vorjahrs – erstmals wurden mehr als 30 Tonnen geerntet – heuer sogar noch übertroffen werden kann.
Können viel profitieren
Ob es gelingt, hängt nicht nur vom Wetter ab, auch andere Faktoren spielen dabei eine Rolle – und damit ist Dietrich bei seinem immens wichtigen Thema: „Wir haben unser Riebelprojekt vor knapp 15 Jahren gestartet und da waren uns die Ostschweizer Kollegen zehn Jahre voraus.“
Deshalb habe er von Anfang an den Kontakt zum 1998 gegründeten Verein Rheintaler Ribelmais gesucht – und will jetzt diese Kontakte intensivieren. Es falle Vorarlberger Produzenten kein Stein aus der Krone, wenn man bei den Schweizer manches abschaue, zumal man dort ganz andere Möglichkeiten für Forschung, Anbau und Vermarktung habe. „Wir können von den Schweizern nur profitieren und viel lernen“, ist Dietrich deshalb überzeugt und bemüht, durch den Schulterschluss mit Kollegen jenseits des Rheins am gemeinsamen „Riebelland Rheintal“ zu arbeiten.
Auf wissenschaftlicher Basis
Angesichts der Mittel, die den Ostschweizer Kollegen in der Forschung zur Verfügung stehen, könnte man fast neidisch werden, merkt Dietrich an. „In Vorarlberg bauen aktuell neun Landwirte Riebelmais an, im Vorjahr wurde mit etwas über 30 Tonnen eine Rekordernte eingefahren.“ Zum Vergleich: Auf Schweizer Seite des Rheins wurden 2020 vom Verein Rheintaler Ribelmais von etwa 50 Bauern fast 400 Tonnen geerntet, wie Hans Oppliger, langjähriger Kantonsrat und Mitarbeiter des Landwirtschaftlichen Zentrums St. Gallen in Salez, erläutert. Oppliger ist heute Geschäftsführer des Vereins der auch unkonventionelle Wege geht, wenn es um wissenschaftliche Begleitung geht. „Der Verein macht sich die rasanten Fortschritte in der Forschung zu Nutze.
Die Vermehrung im Feld geschieht heute sogar in Chile. So können wir trotz der hiesigen Winterpause schnellere Züchtungsfortschritte machen“, sagt Oppliger.
Auch Klimawandel ein Faktor
Doch nicht nur auf der Südhalbkugel wurde für den Schweizer Riebelmais Forschungs-Potenzial erschlossen, auch in der Heimat ist der Verein aktiv. Während in Vorarlberg die wissenschaftliche Begleitung des Projekts praktisch ausschließlich in den Händen von Richard Dietrich liegt, wurde diese bei den Schweizer Nachbarn sehr breit aufgestellt.
„Seit dem Start des Projekts“, so Oppliger, „haben sich die Rahmenbedingungen sehr schnell verändert. Der Klimawandel hat mit mehr Wärme kombiniert mit Feuchtigkeit einen stärkeren Pilzkrankheitsdruck mit sich gebracht.“ Zudem sorgte die eidgenössische Lebensmittelgesetzgebung mit strengeren Grenzwerten für Pilzgifte für eine neue Herausforderung, auf die entsprechend reagiert wurde.
Regionale Werte schützen
„Diese beiden Faktoren führten dazu, dass der Verein Rheintaler Ribelmais nicht nur in Salez intensiv forscht, sondern auch schon vor zwölf Jahren ein Pilotprojekt zur Weiterentwicklung dieser historischen Sorte startete, damit wir wieder fit für heutige Rahmenbedingungen sind. Dies machen wir zusammen mit der Universität Hohenheim in Stuttgart. Soviel ich weiß, ist dies ein weltweit bedeutungsvolles Projekt zur Verbesserung einer historischen, sortenechten (= nicht-hybriden) Maissorte“, so Oppliger. Er war auch maßgeblich daran beteiligt, dass Rheintaler Riebelmais durch die Eintragung ins Register der IGP (Indication Géographique Protégée – geschützte Herkunftsbezeichnung) als traditionelle Spezialität geschützt wurde. Oppliger hat sich nicht nur um den Riebelmais verdient gemacht, er war u. a. auch maßgeblich daran beteiligt, dass die St. Galler Kalbsbratwurst (Olma-Bratwurst) geschützte Marke wurde.
Vermarktungsstrategien
Aber nicht nur beim Anbau und der Pflanzenzucht sind die Schweizer Profis, sie entwickeln auch bei der Vermarktung interessante und unkonventionelle Strategien. Als Versuche mit Riebelmais-Chips sehr erfolgversprechend waren, wurde ein Praxisprojekt mit der WTT Wissenstransferstelle Wirtschaft, OST – Ostschweizer Fachhochschule St. Gallen initiiert. Gleichzeitig konnte die Lütolfs AG in St. Margrethen als Partner gewonnen werden. Dieses Unternehmen orderte in Kalifornien eine Chips-Maschine und begann 2019 mit der Produktion. Dafür wurde eine eigene Tochtergesellschaft, die Lütolfs Spezialitäten AG gegründet.
15 Tonnen Chips verkauft
Es wurde auf Anhieb eine Erfolgsgeschichte, wie Christian Lütolf nach einem Jahr in einer ersten Bilanz stolz vermelden konnte: „Wir verkauften über 15 Tonnen Chips, etwa 100.000 Packungen.“ Ribelmais-Chips gibt es heute z. B. bei Migros oder Volg (Verband ostschweizerischer landwirtschaftlicher Genossenschaften, rund 600 Filialen und 1,65 Milliarden Euro Jahresumsatz), in vielen Dorfläden oder bei der Landi (270 Filialen, rund 1,25 Milliarden Euro Jahresumsatz). Vermarktungsschienen, von denen man in Vorarlberg nur träumen kann. Aber Richard Dietrich hat schon viel geschafft und vielleicht kann man da die eine oder andere Idee abkupfern – auf dem Weg zum gemeinsamen „Riebelland Rheintal“. STP

Susanne Maaß und Richard Dietrich mobilisierten die „allerletzten Körner“.