Qamar Abbas kann wieder hoffen

Vorarlberg / 07.07.2021 • 18:51 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Qamar Abbas möchte seine Lehre in Lustenau fortsetzen.
Qamar Abbas möchte seine Lehre in Lustenau fortsetzen.

Lehrling gewinnt vor Gericht: Aufenthaltsverfahren beginnt neu.

Bregenz Es ist 12.45 Uhr und Laura Melzer bekommt das Lächeln nicht mehr aus ihrem Gesicht. „Er hat geschrieben, dass er sich sehr sehr sehr freut. Dem kann ich mich nur anschließen“, sagt sie. 15 Minuten zuvor sitzt sie im Verhandlungssaal zwei am Bundesverwaltungsgericht in Linz und hört, wie die Richterin einen folgenschweren Bescheid für Qamar Abbas aufhebt. „Zurück an den Start“, jubelt Anwalt Stefan Harg. „Zurück an den Start“, wiederholt der Vertreter des Bundesamts für Fremdenwesen und Asyl (BFA). Der 29-jährige Pakistani Qamar Abbas kann sich große Hoffnungen machen, in ein paar Monaten wieder in Vorarlberg zu sein.

Der Bescheid des Anstoßes ist bald drei Jahre alt. Im Oktober 2018 verweigerte das BFA Qamar Abbas den Aufenthaltstitel und erließ  eine Rückkehrentscheidung. Ende Oktober wurde er nach Pakistan abgeschoben. Der Verwaltungsgerichtshof stellte später fest, dass die Abschiebung illegal war. Abbas konnte aber nicht zurück. Auch der Ladung für Linz kann er nicht folgen. Die Flüge waren bereits gebucht und bezahlt. Am Montag teilt ihm die österreichische Botschaft aber mit, dass sich ein Visum nicht mehr ausgeht. Die Verhandlung findet ohne ihn statt.

Lebensumstände nicht beachtet

Qamar Abbas und die Familie Melzer sind eng befreundet. Mama Melzer nennt ihn ihren vierten Sohn, er sagt Mama Elli zu ihr, erzählt Laura Melzer vor Gericht. Sie ist die einzige Zeugin, die Harg mitbringt. Die Verhandlung dauert rund drei Stunden und dreht sich vor allem um eine Frage: Hat sich die Lebenssituation von Abbas vor seinem Antrag auf Aufenthaltstitel im Jänner 2017 und der Ablehung im Oktober 2018 so sehr verändert, dass die Situation neu bewertet hätte werden müssen?

Harg berichtet, was sich in dieser Zeit alles getan hat: Abbas ist erfolgreich in seine Lehre gestartet, hat das erste Jahr in der Berufsschule absolviert, ein B1-Deutschzertifikat erworben, ist bei den Hard Bulls aktiv und eng mit Familie Melzer verbunden, hilft beim Umzug der Eltern und im Garten. Sie feiern gemeinsam Weihnachten, Ostern und alle anderen Feste, wie Laura Melzer vor Gericht erzählt.

Unterstützer

Der Anwalt zitiert Landeshauptmann Markus Wallner, den ehemaligen AMS-Chef Anton Strini, den Lustenauer Bürgermeister Kurt Fischer und den ehemaligen ÖGB-Chef Norbert Loacker, wie sie sich für den Verbleib von Lehrlingen starkmachen. Harg erzählt, was Abbas‘ Lehrmeister von seinem Schützling hält und legt eine Einstellungszusage vor. Kurzum: Er schildert ausführlich, weshalb Qamar Abbas gut integriert ist und eine Zukunft in Vorarlberg vor sich hat. „Er ist ein Lustenauer“, sagt Harg einmal.

Im Gerichtssaal herrscht zu Beginn eine angespannte Atmosphäre, sie lockert sich jedoch recht rasch. Die Richterin ist sachlich, aber freundlich. Der Vertreter des BFA hört fast nur zu, stellt wenig Fragen, notiert sich ab und zu ein paar Sätze. In einem Pausenplausch vor der Urteilsverkündung ist zu hören, dass er selbst nicht ganz versteht, was da im Oktober 2018 in Österreich geschehen ist, als der Lustenauer Lehrling abgeschoben wurde. Auch die Richterin ist dieser Meinung.

Sie stellt fest: Der Bescheid, mit dem der Aufenthaltstitel abgelehnt wurde, sowie der Erlass zur Rückkehrentscheidung vom Oktober 2018 werden aufgehoben. Das Verfahren um den Aufenthaltstitel von Qamar Abbas muss zurück an den Start, es beginnt nun neu. Der Lehrling hat die „Aufenthaltsberechtigung plus“ im Visier. Stefan Harg ist erleichtert: „Wir sind froh, dass das Gericht festgestellt hat, dass Qamar Abbas ein neues faires Aufenthaltsverfahren verdient.“ Den VN schreibt Abbas selbst am Nachmittag: „Ich freue mich wirklich sehr. Leider muss ich aber noch warten.“

Es ist 12.50 Uhr. Laura Melzer blickt auf ihr Handy, dann zu Anwalt Stefan Harg: „Er fragt, wann er kommen kann.“ Harg bremst die Euphorie: „Das kann schon noch einige Monate dauern. Im allerbesten Fall im Herbst.“ Melzer denkt schon weiter: „Ein gemeinsames Weihnachten, das wäre genial.“

„Wir sind froh, dass das Bundesverwaltungsgericht so entschieden hat.“

Laura Melzer und Anwalt Stefan Harg vertraten Qamar Abbas vor dem Bundesverwaltungsgericht in Linz. Sie hoffen, ihn bald wieder persönlich zu treffen. VN/mip
Laura Melzer und Anwalt Stefan Harg vertraten Qamar Abbas vor dem Bundesverwaltungsgericht in Linz. Sie hoffen, ihn bald wieder persönlich zu treffen. VN/mip