Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Bildet Lesen?

Vorarlberg / 15.09.2021 • 05:00 Uhr

Damals, in den ödesten Tagen der Pandemie, als man nur noch vor die Tür ging, um den Nachrichten zu entkommen, radelte er schon frühmorgens mit dicken Paketen durch die Stadt, und auf die Frage nach seinem Wohlbefinden rief der Buchhändler, heftig in die Pedale tretend, sein fröhliches „Ich kann nicht klagen!“ Man las wieder mehr. Eine ganze Branche, die sich im Gegenwind der elektronischen Unterhaltung mancherorts schon auf ein mittellanges Siechtum eingestellt hatte, feierte ihre Wiedergeburt. Und heute?

Heute geht dem Handwerk das Holz aus und im Buchhandel das Papier zur Neige. Die Nachfrage wächst ungebrochen: Statistiken weisen von Brasilien (plus 33,4 Prozent) über Spanien (plus 38,3 Prozent) bis hin zu Frankreich mit einem sagenhaften Zuwachs von 43,3 Prozent schier unfassbar höhere Buchumsätze im ersten Halbjahr 2021 aus, als sie noch in den ersten sechs Monaten 2019 erzielt worden sind.

Wenn es also stimmt, dass Lesen bildet, dann gäbe diese Entwicklung doch allen Anlass zur Hoffnung. Theoretisch jedenfalls. Dass vor allem Cartoons und Kochbücher den Handel haben explodieren lassen, erklärt wohl nur unzureichend, weshalb sich die ersehnte Einsicht von einem gedeihlichen Leben in Gemeinschaft so hartnäckig nicht einstellen will. Vielleicht scheitert die Herdenimmunität ja doch an der fehlenden Schwarmintelligenz.

Thomas Matt

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