“2G darf nicht dauerhaft sein”

Vorarlberg / 11.11.2021 • 13:30 Uhr
"2G darf nicht dauerhaft sein"
Der Ökonom David Stadelmann fordert, allen Menschen eine Teilhabe zu ermöglichen.

Ökonom fordert Schlussdatum für 2G-Zertifikate und kritisiert die Politik.

SCHWARZACH Wer sich nicht gegen das Coronavirus impfen lässt oder sich nicht impfen lassen kann, hat ein Problem: Er wird aus dem gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen. In Restaurants, in Bars und auf Veranstaltungen gilt die 2G-Regel. Der Vorarlberger Ökonom David Stadelmann von der Uni Bayreuth warnt: 2G sei zwar derzeit richtig, aber gefährlich. Man müsse vorsichtig damit umgehen. Außerdem fordert er ein fixes Ablaufdatum. Die Politik kritisiert er im VN-Interview scharf.

Stadelmann beschäftigt sich seit Beginn der Pandemie mit den Einschränkungen und Maßnahmen. Er forderte früh ein Zertifikat für Genesene, später auch für Geimpfte. “Die Politik ist das lange nicht angegangen”, ärgert er sich. “Mittlerweile wäre 2G der Goldstandard.” Jetzt müsse man aber weiterdenken. Jeder hatte nun die Möglichkeit, sich impfen zu lassen, fährt Stadelmann fort. “Eine Impfung ist vor allem Selbstschutz, kein Fremdschutz. Eigentlich müsste man in einer freien Gesellschaft akzeptieren, dass einige diesen persönlichen Gesundheitsschutz einfach nicht möchten, statt Druck aufzubauen.”

Dagegen spreche allerdings der Blick in die Krankenhäuser. “Wer nicht geimpft ist, trägt eher zu einer Überlastung des Gesundheitswesens bei und verursacht Kosten.” Stadelmann bringt für seine Aussage aber erneut ein Gegenargument: “Das Gesundheitssystem belasten nicht nur Ungeimpfte, sondern auch andere Menschen,die dies oft durch für sie selbst gesundheitsfördernde Entscheidungen vermeiden könnten. Zum Beispiel durch Reduktion von Übergewicht oder dadurch, nicht zu rauchen.”

Das System habe sich aber schon an die Standardleiden von Rauchern, Übergewichtigen und andere gewöhnt. “Man hat mit diesne Leiden gerechnet”, ergänzt Stadelmann. “Nun sind wir eineinhalb Jahre in der Pandemie. Man hätte auch mit Corona-Fällen in diesem Herbst rechnen können. Zum erneuten Rechnen ist es aber zu spät.” Deshalb sei 2G in der Situation nicht grundsätzlich falsch. “Aber es darf nicht dauerhaft und alternativlos sein.”

“Sturheit kostet”

Dass sich Menschen nicht impfen lassen, habe oft wenig mit der Angst vor Nebenwirkungen zu tun, ist der Ökonom überzeugt. “Das glaubt fast niemand mehr ernsthaft.” Er sieht zwei Gruppen unter den Ungeimpften: Den einen ist die Pandemie relativ egal, sie stellen sich taub. Die anderen lehnen den Impfdruck durch 2G ab, sie seien stur geworden. “Beide Reaktionen sind menschlich.” Auch die Politik habe sich lange taub und stur gestellt, indem sie nicht einmal die Immunität durch Antikörpertests dokumentierte. “Jede Art von Sturheit und Taubheit ist mit Kosten verbunden, jene der Politik sowie jene der Bürger.”

Bei 2G müsse man sehr vorsichtig sein. “Zertifikate sind ein Kriseninstrument, kein Kontrollinstrument. Deswegen braucht es ein klares Enddatum, so etwas wie einen Freiheitstag. Der 1. Mai wäre doch ein schönes Datum.” Besser wäre als Alternative, sofort wieder die Teilhabe am öffentlichen Leben mittels Test zu ermöglichen. “Es ist zwar auch nicht ideal. Aber es ist die bessere Alternative zu geheimen Partys und gefälschten Zertifikaten.” Allerdings müssten die Tests kontrolliert werden und etwas kosten. “Das wäre fair, weil man nicht stur sein muss. Wer es zahlen will, soll es zahlen. Aber es braucht Alternativen”, argumentiert Stadelmann und verweist auf Wirtschaftsnobelpreisträger Thomas Schelling: “Zu starker Druck auf Menschen ist kritisch. Ein Tier, das in die Ecke gedrängt ist, kann gefährlich werden.”

Sturheit koste eben etwas. Das gelte auch für die Politik. Deshalb fordert der Volkswirtschaftler eine unabhängige Wahrheitsfindungskommission, die den Verlauf der Krise, Erfolge und Versagen der Politik aufarbeitet. “Der Druck, der von der Kommission kommt, könnte die Politik dazu bringen, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, statt sich wiedernur auf das Virus zu konzentrieren.”