Liebeszauber im Advent. Eine Adventgeschichte in 25 Kapiteln von Heide Flatschacher (Teil 6/25 – gekürzte Fassung)

Eines Abends waren sie zu einer Cocktailparty im Blumenweg eingeladen. Luis hielt, da er nach wie vor regelmäßig in Dornbirn verkehrte, den Kontakt zu den ehemaligen Nachbarn aufrecht und wollte unbedingt hingehen. Sarah dagegen hatte noch weniger Lust als früher, diese Menschen zu sehen. Aber ihr Mann ließ nicht locker und so fügte sie sich in ihr Schicksal. Sie gaben Jonas bei Berta ab und fuhren in ein Hotel. Luis wollte nie bei Großtante Berta übernachten, die alte Dame war ihm immer etwas suspekt.
Auf der Fahrt wanderten Sarahs Gedanken zurück zu der Zeit, als sie noch im Blumenweg gelebt hatten. Es war ein ungeschriebenes Gesetz, dass jede Familie, jedes Paar ein offensichtlich schönes Leben lebte. Wie es innen aussah, ging niemanden etwas an. Nach außen musste auf jeden Fall der Schein gewahrt bleiben.
Rückblickend betrachtet, musste Sarah sagen, dass sie die Zeichen nicht gesehen hatte. Luis veränderte sein Verhalten ihr gegenüber immer mehr. Er entwickelte eine herablassende Art, die sie noch mehr einschüchterte und zurückhaltender machte, als sie ohnehin schon war.
Doch, das musste sie auch zugeben, hätte sie die Beziehung beenden können, aber dazu fehlte ihr der Mut und es war auch bequemer, einfach so weiterzuleben, als wäre alles in Ordnung. Bis zu jenem verhängnisvollen Abend, als sie zur Cocktailparty fuhren und Jonas bei Großtante Berta ließen.
Während eben dieser Party kam eine Nachbarin, die sie noch nie gemocht hatte, zu ihr und fing an, mit ihr zu reden und sie auszufragen. Sarah wollte nicht gerne Auskunft geben, denn Verena war eine geschwätzige Frau, die nichts Besseres zu tun hatte, als Gesprächsinhalte brühwarm weiterzuerzählen und sie dazu noch mit einer Prise Erfundenem zu würzen. Plötzlich beugte sie sich näher zu Sarah und sagte leise: „Schätzchen, ich weiß, dass das alles vielleicht nicht leicht für dich ist. Aber Männer brauchen nun mal ihre Freiräume, und Luis ganz besonders. Das hat nichts mit dir zu tun.“ „Wovon redest du eigentlich?“, hatte Sarah entsetzt geantwortet. „Meine Liebe, komm in den Garten und schau nicht so verschreckt. Alle schauen uns schon an. Mach ein freundliches Gesicht und komm.“
Widerstandslos ließ sich Sarah in den Garten und zu einer Bank führen. Verena setzte sich zu ihr und tätschelte ihre Hand. „Du weißt es noch gar nicht? Oder tust du nur so?“ Sarah schaute sie mit großen Augen an. Ihr Mund war trocken, ihre Finger krampften sich um das Glas, das sie in der Hand hatte. „Meine Liebe“, begann Verena von Neuem, „wie lange kennen wir uns schon? Sieben Jahre jetzt etwa, habe ich recht? Du hast einen tollen Mann, der gut für dich sorgt und einen so süßen, kleinen Jungen! Ich mag dich gern und darum finde ich, dass ich dir die Augen öffnen muss. Ich weiß, dass dein lieber Luis ein kleines Techtelmechtel mit unserer neuen Nachbarin hat.“
„Woher willst du das wissen?“, unterbrach Sarah sie.