Johannes Huber

Kommentar

Johannes Huber

Zurückgelassen

Vorarlberg / 15.01.2022 • 07:29 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Die Regierung drückt das Gewissen. In der Pandemie sind Jugendliche bisher vernachlässigt worden.

Klar: Zunächst ging es um die Gesundheit aller. Vieles andere war wichtiger als offene Schulen. Schäden, die der Nachwuchs erlitten hat, sind unermesslich. Er, der es am wenigsten gewohnt ist, allein zu sein, litt am stärksten unter lockdownbedingter Einsamkeit. Unterrichtsausfälle setzten Kindern aus sozial schwachen Verhältnissen ganz besonders zu. Ihnen wurde zum Verhängnis, dass sie dort mehr Zeit verbringen mussten, wo Bildung nicht die nötige Bedeutung hat: zu Hause.

“Die Coronakrise schreit nach einer Wiederentdeckung ernsthafter Bildungspolitik.“

Unterrichtsminister Martin Polaschek (ÖVP) und Sozialminister Wolfgang Mückstein (Grüne) folgten nun zumindest dem dringlichen Rat, mehr Förderprogramme zu ermöglichen. Über 100 Millionen Euro mehr sollen dafür zur Verfügung gestellt werden. Das soll helfen, Defizite wettzumachen.
Alles gut? Nein. Welchen Stellenwert Schulen haben, verdeutlichen Schulsprecherinnen und Schulsprecher mit einem offenen Brief an Polaschek. Sie drohen mit einem „Streik“ und fordern Luftreiniger und CO2-Messgeräte für alle Klassen. Es ist beschämend, dass es das noch nicht gibt. Oder, wie die Schülerinnen und Schüler schreiben, dass sie den Minister daran erinnern müssen, sie zu schützen.

Umso mehr, als das mit den PCR-Tests hinten und vorne nicht funktioniert. Gerade bei Omikron, wo man nach einer Ansteckung schneller infektiös wird, bedeutet das, dass es auf eine Durchseuchung hinausläuft. Andererseits ist das offiziellen Angaben zufolge ohnehin der Plan. Folgen werden sich zunächst halt bei den Schülerinnen und Schülern zeigen. Besser gesagt: Sie sind die Versuchspersonen.

Die Coronakrise schreit nach einer Wiederentdeckung ernsthafter Bildungspolitik. Zurückgelassen wurden Kinder aus sozial schwachen Verhältnissen ja schon davor. Sie wurden zu wenig ihrem Schicksal entrissen. Im geltenden, aber vergessenen Programm der schwarz-grünen Landesregierung steht eine Lösungsmöglichkeit: „Das Forschungsprojekt der „Schule der Zehn- bis 14-Jährigen in Vorarlberg“ kommt klar zum Schluss, dass eine flächendeckende gemeinsame Schule mit innerer Differenzierung sowohl leistungsfördernder als auch chancengerechter ist. Dafür gehört mehr denn je lobbyiert.

Johannes Huber betreibt die Seite dieSubstanz.at – Analysen und Hintergründe zur Politik.

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