Warum ab 40 keine Kaliumjodid-Tabletten mehr genommen werden sollten

Vorarlberg / 07.03.2022 • 04:45 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Warum ab 40 keine Kaliumjodid-Tabletten mehr genommen werden sollten
Kaliumjodid-Tabletten sind derzeit eine gefragte Sache. APA, KHBG

Experte warnt vor prophylaktischer Einnahme.

Feldkirch Der Krieg in der Ukraine sorgt für grenzenlosen Schrecken, und das im buchstäblichen Sinne. Besonders groß ist die Angst vor einer atomaren Bedrohung durch die Zerstörung eines Kernkraftwerks. Diese Sorgen bekommt auch die Abteilung für Nuklearmedizin im Landeskrankenhaus Feldkirch zu spüren. „Bei uns häufen sich die Anfragen wegen einer Kaliumjodid-Prophylaxe“, bestätigt Primar Alexander Becherer.

„Die Menschen wollen wissen, ob sie die Tablette einnehmen und wie sie sich verhalten sollen“, ergänzt der Nuklearmediziner. Seine klare Botschaft dazu: „Es macht keinen Sinn, diese Tablette vorbeugend einzunehmen, weil man der Schilddrüse damit auch schaden kann, das gilt besonders bei Kleinkindern.“ Abgesehen davon würde im Ernstfall über alle Medien verlautbart, ob Kaliumjodid-Tabletten und vor allem in welcher Dosis sie einzunehmen seien. „Das wäre dann unbedingt zu befolgen“, betont Becherer.

Aufnahme wird blockiert

Das einzige Organ im Körper, das wirklich Jod braucht, ist die Schilddrüse. „Ohne Jod kann das Organ keine funktionstüchtigen Hormone bilden“, erklärt Alexander Becherer. Im Gegensatz dazu zählen Muskulatur, Nerven- und Skelettsystem zu den strahlenunempfindlichen Geweben. Gleiches gilt für Leber, Herz und Lunge. Das Problem für die Schilddrüse sind im Falle eines Reaktorunfalls die Spaltprodukte, die in höheren Mengen freigesetzt werden. Die Schilddrüse reichert diese radioaktiven Isotope an und behält sie. Kaliumjodid-Tabletten blockieren die Aufnahme von weiterem Jod in die Schilddrüse.

Alexander Becherer leitet die Nuklearabteilung im LKH Feldkirch.
Alexander Becherer leitet die Nuklearabteilung im LKH Feldkirch.

Das heißt aber nicht, dass im Ernstfall die gesamte Bevölkerung auf Kaliumjodid-Tabletten zurückgreifen muss. „Bei Personen über 40 Jahren gilt die generelle Empfehlung, keine Tablette einzunehmen“, sagt Becherer. Zum einen ist dann die Schilddrüse nicht mehr so strahlenempfindlich, zum anderen erhöht sich das Risiko für eine Überfunktion. Aufpassen heißt es auch bei Kleinkindern, deren Schilddrüse prinzipiell strahlenempfindlicher ist. Hohe Jodmengen können bei Kindern eine Unterfunktion der Schilddrüse mit Langzeitfolgen auslösen. Bei Erwachsenen fängt die Schilddrüse zwei Wochen nach Tabletteneinnahme wieder normal zu arbeiten an. Zudem gehe es immer um die Frage, in welcher Entfernung die Spaltprodukte freigesetzt würden.

Ausscheidung über Harn

Die Ausscheidung des Jods erfolgt zum größten Teil über den Harn. „Auch Nieren und Blase sind nicht so strahlenempfindlich“, beruhigt der Arzt und bezeichnet viel trinken generell als besten Säuberungsfaktor. Er beruhigt ebenso dahingehend, dass trotz Ausverkauf genügend Kaliumjod-Tabletten vorrätig sind, sollte es die Situation erfordern. Becherer erinnert daran, dass nicht einmal bei Tschernobyl der Fallout in unseren Breiten so hoch war, dass es eine Empfehlung zur Einnahme gab. Der wichtigste Schutz sei, so lange wie möglich in geschlossenen Räumen zu bleiben. „Damit ist die Akutgefahr für die Aufnahme radioaktiver Isotope in die Schilddrüse blockiert.“ Was den Zugang zu kompetenten Informationen betrifft, verweist Alexander Becherer unter anderem auf die Apotheken und den Beipackzettel der Tabletten, der im Internet verfügbar ist. „Was dort steht, ist Fakt.“