Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Alles ganz banal

Vorarlberg / 29.03.2022 • 19:16 Uhr

So eine hübsche, kleine Verschlafenheit liegt über der Vorstadt und lullt sie ein. Jenseits des Gartenzauns erklingt Gelächter. Gläser klacken aneinander. Stimmen gehen hoch. Könnte länger werden heute. Eine Bohrmaschine kreischt kurz dazwischen. Aber ganz verhalten tut sie das, als wäre sie sich ihrer verstörenden Tonlage bewusst und schämte sich. Da sind Neue zugezogen. Richten sich ein. Eine kleine Rauchsäule verrät den Grill, der zum ersten Mal angeworfen wird. Vögel zwitschern. Autos bollern. Eine Katze streckt sich und geht dann höchst elegant nach ihren Mäusen. Das Leben perlt so dahin, als wäre das Alleralltäglichste nicht im Mindesten bemerkenswert.

Bescheiden eben, ganz banal. Komisches Wort eigentlich. Es stammt aus dem Französischen. Im 13. Jahrhundert beschrieb das Wort „Banal“ Grundstücke, die jedermann zu freiem Gebrauch überlassen wurden. Der Lehensherr gab sie mit einem Bann der gemeinsamen Nutzung anheim. Erst wenn die letzten Garben gedroschen waren, wenn das letzte Korn geerntet war, hatte das Banal seinen Dienst getan. Auf ihm war kein Schloss errichtet worden und auch kein Jagdgebiet, das edle Gesellschaften unterhalten hätte. Es hatte nur die Menschen gemeinsam ernährt.

Vielleicht ernähren wir uns ja heute noch vom Banalen, von all den Selbstverständlichkeiten, die uns erst in den Sinn kommen, wenn wir sie eines Tages missen müssen.

Thomas Matt

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