Darum bleibt Bildungsminister Polaschek beim Nein zur Gemeinsamen Schule

Vorarlberg / 27.06.2022 • 17:23 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Bildungsminister Martin  Polaschek im Gespräch mit den VN. Die Bekämpfung des Lehrermangels ist eine der größten Herausforderungen. <span class="copyright">VN/Paulitsch</span>
Bildungsminister Martin Polaschek im Gespräch mit den VN. Die Bekämpfung des Lehrermangels ist eine der größten Herausforderungen. VN/Paulitsch

Auch die in Vorarlberg scharf kritisierte Wiedereinführung der Ziffernnote an Volksschulen bleibt.

Schwarzach Bildungsminister Martin Polaschek bleibt auf Fassmann-Linie. Er möchte Schulen mit Individualförderung ohne Änderung des Grundsystems. Mit seinem ersten Jahr als Unterrichtsminister ist er zufrieden, auf mögliche Corona-Wellen sei man an den Schulen vorbereitet. Maßnahmen gegen den Lehrermangel würden ergriffen. Gesucht werden vor allem Quereinsteiger. Zwingend ändern müsse sich das Bild des Lehrers.

Welches Gesamtresümee ziehen Sie nach Ihrem ersten Schuljahr als Bildungsminister?

Ich würde sagen, das Schuljahr ist sehr gut gelaufen. Wir hatten ja nicht wenige Herausforderungen. Mit Corona, mit den mittlerweile 11.000 ukrainischen Schülerinnen und Schüler, die zu uns gekommen sind. Die Lehrerinnen und Lehrer haben großartige Arbeit geleistet. Und ich denke, wir haben das Schuljahr sehr gut über die Bühne gebracht.

Welche Note würden Sie sich für Ihre Performance im ersten Dienstjahr geben?

Ich würde mir ein Gut geben. Wir haben sehr viel weitergebracht in den verschiedensten Bereichen. Sei es im universitären Bereich mit den Leistungsvereinbarungen, wo jetzt über 12 Milliarden Euro an die Universitäten fließen, sei es mit der Zusammenlegung der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik und der geologischen Bundesanstalt in eine eigene schlagkräftige Institution. Dazu zählen auch einige Neuerungen im Schulbereich mit der gesetzlichen Verankerung der semestrierten Oberstufe, die jetzt auch in die Schulautonomie übertragen wird, sodass die Schulen Gestaltungsfreiheit erhalten. Die neuen Lehrpläne für die Primarstufe und Sekundarstufe  werden demnächst in Begutachtung gehen.

Ist es nicht ein Manko, dass Vorarlberg keine eigene Universität hat?

Ich denke, Vorarlberg ist mit seinen Bildungseinrichtungen gut aufgestellt. Es gibt ein tolles Angebot hier. Das passt sehr gut so. Rund um den Bodensee werden Bildungsinstitutionen noch mehr zusammenarbeiten.

Wie gut sind die Schulen im kommenden Herbst auf die Pandemie eingestellt?

Wir wissen nicht, was uns erwartet, aber wir sind auf alle Fälle gut vorbereitet. Mir ist ganz wichtig, dass die Schulen in eine Gesamtstrategie des Bundes eingebettet sind. Wir sind in sehr engem Austausch mit dem Gesundheitsministerium. Dieses wird in den kommenden Wochen eine Gesamtstrategie festlegen. Wir haben von unserer Seite alle Vorbereitungen getroffen. Die für Corona notwendigen Materialien stehen zur Verfügung. Eine Woche vor Schulbeginn werden alle Schulen über den Stand der Dinge informiert. Es können sich alle gut und rechtzeitig auf die Situation einstellen.

Gemeinsame Schule und Wiederabschaffung der Ziffernnote in der Volksschule: Diese, von vielen Vorarlbergern unterstützten Anliegen, wird es unter Polaschek nicht geben.
Gemeinsame Schule und Wiederabschaffung der Ziffernnote in der Volksschule: Diese, von vielen Vorarlbergern unterstützten Anliegen, wird es unter Polaschek nicht geben.

Bleiben die Schulen dieses Jahr verlässlich offen?

Offene Schulen sind ganz wichtig. Die Kinder haben unter dem Lockdown ganz besonders gelitten. Offene Schulen haben für mich absolute Priorität.

In ganz Österreich herrscht Lehrermangel. In Vorarlberg ganz besonders. Wie sehr ist Ihnen das bewusst, und wie kann man wieder mehr Menschen zum Lehrberuf bringen?

Maßnahmen gegen den Lehrermangel zählten zu meinen ersten Aktivitäten. Ich bin seit Monaten im intensivsten Austausch mit Stakeholdern, mit Personen in den Bildungsverwaltungen, mit den Bildungsreferentinnen und Referenten in den Bundesländern, mit den pädagogischen Hochschulen. Als erste Maßnahme ist es mir gelungen, ein Modell für Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger zu erarbeiten. Da fehlt es jetzt nur noch an der gesetzlichen Absicherung im Dienstrecht. Das wird noch vor dem Sommer im Nationalrat beschlossen. Wir werden uns anschauen, an welchen Schrauben wir noch drehen können. Wir brauchen grundsätzlich ein anderes LehrerInnenbild. Wir haben zudem Maßnahmen zur administrativen Entlastung gesetzt.

Inwiefern kann man auch bei der Besoldung der Lehrer etwas tun, zumal die Konkurrenz der Schweizer und deutschen Nachbarschaft in Vorarlberg groß ist?

Wir werden uns in diese Richtung Strategien überlegen müssen. Aber wir wissen natürlich nicht, inwiefern wir dadurch Wanderbewegungen aus anderen Bundesländern damit auslösen würden. Das würde dann nicht zum gewünschten Erfolg führen. Wir müssen grundsätzlich wieder mehr Menschen für den Lehrberuf begeistern.

Martin Polaschek bei VorarlbergLIVE im Gespräch mit VN-Chefredakteur Gerold Riedmann: Die Schulen sollen auf alle Fälle offen bleiben. VN/Paulitsch
Martin Polaschek bei VorarlbergLIVE im Gespräch mit VN-Chefredakteur Gerold Riedmann: Die Schulen sollen auf alle Fälle offen bleiben. VN/Paulitsch

Die Sommerschule naht. Sie scheint ein Erfolgsprojekt. Wo muss da noch nachjustiert werden, wo funktioniert sie gut?

Für die Sommerschule wurden jetzt die gesetzlichen Grundlagen geschaffen, damit LehrerInnen und Studierende die entsprechende Abgeltung erhalten. Die Sommerschule wird sich noch weiter etablieren, weil sie Kindern mit Förder- und Vertiefungsbedarf hilft. Wir werden das laufend evaluieren. Aber die Sommerschule ist auf alle Fälle ein Erfolgsprojekt.

Wie sieht es mit der gemeinsamen Schule aus, die in einem Vorarlberger Forschungsprojekt erarbeitet wurde. Ist das ein totes Pferd?

Ich denke wir haben mit unserem System, dessen Fokus auf Individualisierung liegt, ein sehr gutes System. Wir müssen eher darauf schauen, dass wir auf die jeweilige Schule und die jeweilige Region bezogen, das beste Angebot schaffen. Das bedeutet ein vielfältiges Angebot. Wir arbeiten an verschiedenen Modellen. Wir schauen uns an, wo wir ein spezifisches Angebot legen können, sei es durch MINT-Schulen, sei es durch Profilbildungen in AHS und BHS-Schulen. Das, was wichtig ist, ist, dass wir die Ganztagsbetreuung neu anbieten können. Das wurde durch den Bund-Länder-Vertrag gewährleistet, der kürzlich in Bregenz vertraglich fixiert wurde. Wir haben derzeit ein Projekt mit 100 Schulen laufen, bei dem wir schauen, wo wir punktuell Verbesserungen erreichen können, um noch gezielter den Förderbedarf für Kinder zu eruieren. Wir brauchen keine großangelegte Grundsatzdiskussion zu führen, wir sollten an den Schräubchen drehen, an denen wir drehen können und uns Schritt für Schritt in die gute Richtung vorwärts bewegen.

Aber gibt es nicht auch die Möglichkeit, den Notendruck in Volksschulen mit Kindern, die ins Gymnasium wollen, herauszunehmen?

Das liegt an Erwartungshaltungen, die irgendwo bestehen. Es geht nicht unbedingt um einen Schulbereich, in den alle hineinwollen. Man muss sich fragen: Warum will man das? Es gibt doch ein breites Angebot, das allen Kindern entspricht. Durch die Durchlässigkeit des Systems bedeutet das ja nicht, dass wenn man in eine Mittelschule geht, nicht nachher auch in eine Oberstufe offen steht. Wir sollten vermitteln, dass es keine Wertigkeit zwischen den einzelnen Schultypen gibt. Es ist der falsche Zugang, zu vermitteln, dass es eine bessere und eine schlechtere Schule gibt. Es geht um das, was in den Schulen gemacht wird, um die Profilbildung der Schulen. Wir haben ja auch jetzt durch die einheitliche Lehrerausbildung überall die gleich qualifizierten Lehrer. Die Diskussion über die Gemeinsame Schule hat sich erübrigt. Diese Grundsatzdiskussionen bringen uns nicht weiter.

Wie sieht die Planung im Umgang mit den ukrainischen Flüchtlingskinder aus?

Bisher ist die Integration sehr gut gelaufen. Größten Respekt an alle, vor allem auch an unsere Schüler, die diesen Kindern sehr geholfen haben. Wir holen gerade jetzt die Bedarfsmeldungen der Schulen ein und sind auch auf noch mehr Kinder vorbereitet.

Bleibt es bei der Ziffernnote ab der zweiten Klasse Volksschule, oder wird die von Ihrem Vorgänger Fassmann angeordnete Maßnahme zugunsten einer verbalen Beurteilung wieder rückgängig gemacht?

Es hat sehr gute Gründe gegeben, das System mit der Ziffernnote wieder einzuführen. Wir sollten aufhören, ständig etwas einzuführen und dann wieder zu ändern. Wir machen da jetzt genauso weiter. Es ist von allen Seiten gut angenommen worden. Wir bleiben jetzt bei diese Regelung.