Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Staatstheater

Vorarlberg / 19.07.2022 • 17:48 Uhr

Was für eine dürftige Inszenierung: Hier das darbende Volk, dort der schnöde Staat. „Werden wir im Winter frieren?“, bangt das Volkskind. „Aber nein“, beruhigt Vater Staat. Nur sagt er es nicht bestimmt genug. Schon argwöhnt das Kind Betrug. Von Inflation bis Klima schreit das Volkskind in bewährter Manier: „Mach, dass es weggeht! Sonst such ich mir andere Eltern!“ Das Volkskind kann das nämlich. Seine Macht ist die Wahl, und den staatlichen Eltern sträuben sich die Nackenhaare.

Sind wir wirklich so, wie uns die veröffentliche Meinung glauben macht? Würde sich selbst der Bundespräsident heute vorsichtiger äußern? „So werden wir doch hoffentlich nicht sein…?“ Denn das „Wir“ hat sich weitgehend verflüchtigt und dem „Ich und die anderen“ Platz gemacht. An die Stelle der Eigenverantwortung trat die Idee eines schier unerschöpflichen Füllhorns guter Gaben, die den Status quo schon bewahren werden. Irgendwie. Allenfalls böse Politiker stemmen sich mit seltsamen Parolen wie „Gürtel enger schnallen“ dagegen. Dass im allseitigen Rempeln um die Futtertröge die wirklich Bedürftigen unter die Räder kommen werden, ist quasi Naturgesetz.

Vor fast 80 Jahren lag das Land in Trümmern. Damals hungerten und froren viele. Heute rutschen wir aus einer exzellenten Position in krisenhafte Zeiten. Wir haben es tatsächlich in der Hand, dass alle gut durchkommen. Stattdessen lassen sich Menschen willfährig vor jeden parteipolitischen Karren spannen und bewerten jede falsche Silbe aus Ministermund wie Hochverrat. Wir leisten uns doch tatsächlich dieses lächerliche Staatstheater. Festspiele sehen anders aus.

Thomas Matt

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