175 Abtreibungen in diesem Jahr

Gynäkologe Hostenkamp gibt Frauen in Schwangerschaftskrisen eine Wahl. Das führt aber auch zu Bedrohungen.
Bregenz Schwangerschaftsabbrüche sind keine Randerscheinung. Rund 300 jährlich führt Benedikt-Johannes Hostenkamp in Vorarlberg durch. Es gebe auch viele Frauen, die sich nach seiner Beratung doch noch für die Schwangerschaft entscheiden, erzählt er. Hostenkamp ist der einzige Arzt im Land, der Abbrüche durchführt. Bald wechselt er aber in die Pension. Ein Gespräch mit Landesrätin Martina Rüscher ist nun geplant.
Wann werden Sie 70?
Hostenkamp Am 12. August.
Warum arbeiten Sie noch?
Hostenkamp Weil ich muss und weil es mir auch Spaß macht. Wenn man Schwangerschaftsabbrüche anbietet, sieht man darin eine Aufgabe.
Wie war Ihre Woche?
Hostenkamp Spannend. Ich hatte zwölf Anmeldungen für einen Schwangerschaftsabbruch, elf Frauen sind dann zur Untersuchung gekommen, drei von ihnen haben sich am Ende doch gegen einen Abbruch entschieden. Sie haben durch meine Beratung einen Weg gefunden, schwanger zu bleiben. Lebensschutz wird so gestaltet und nicht durch Bordsteinberatung.
Was hören die Frauen von den „Gehsteigberatern“ vor Ihrer Praxis?
Hostenkamp Es kommt vor, dass Sie als Mörderinnen bezeichnet werden. Vor allem junge Frauen müssen sich sehr viel anhören. Manchmal kommen sie wegen der Bordsteinberater so aufgewühlt in die Praxis, sodass sie mehr Medikamente brauchen.
Zur Beruhigung? Damit Sie den Eingriff durchführen können?
Hostenkamp Ja. Wissen Sie was? Diese sogenannten „Pro Lifer“ („Lebensrechtbewegung“) nennen sich vielleicht so, sind das aber gar nicht. Wir, die für eine Wahl („Pro Choice“) eintreten, sind „Pro Lifer“, weil wir was bewegen können, weil wir uns auf das Thema einlassen. Natürlich gibt es Wochen, in denen alle, die bei der Voruntersuchung waren auch zum Schwangerschaftsabbruch kommen. Aber insgesamt sind es zehn bis 15 Prozent, die sich dann doch anders entscheiden.
Sie sehen die Frauen als Ganzes.
Hostenkamp Ja natürlich, ich bin ja kein Uterusingenieur. Ich bin ein Frauenarzt. Arzt für die Frau.
Abtreibungsgegner sehen Ihre Klinik aber oft so, als würde es keine Beratung geben, kein Aufzeigen von Alternativen, sondern eben nur die Abtreibung als Angebot.
Hostenkamp Das wäre illegal. Denn die Beratung ist Voraussetzung für die Straffreiheit. Damit meine ich ausdrücklich nicht die OP-Aufklärung. Diese braucht es ohnehin bei jedem Eingriff.
Wie lange ist die Bedenkzeit, die Sie den Frauen einräumen müssen?
Hostenkamp In der Regel sind es ein bis zwei Nächte zum Überschlafen. Es gibt aber extreme Ausnahmefälle, Einzelfälle, bei denen ich am Vormittag die Untersuchung und Beratung mache und am Nachmittag die Operation, zum Beispiel wenn eine Frau eine weitere Anfahrt hat und ihre vier Kinder verstellen muss. Aber auch sie muss die Praxis für ein paar Stunden verlassen und sich eine Zeit zum Überlegen nehmen. Da ist es auch schon passiert, dass sich die Frau gegen den Abbruch entschieden hat.
Wie viel kostet der Schwangerschaftsabbruch?
Hostenkamp 500 Euro.
Wie erleben Sie die Frauen, die zu Ihnen in die Praxis kommen?
Hostenkamp Es ist immer ein Schwangerschaftskonflikt und eine Lebenskrise. Die Frau muss abwägen zwischen ihrem Selbstbestimmungsrecht und dem Lebensrecht des Ungeborenen. Das führt zu einer großen Last, Überforderung und Angst. Und dann kommen die Bordsteinberater mit ihrem kontraproduktiven Beitrag. Es muss eine Bannmeile geben. Die Polizei muss die Bordsteinberater wegweisen. Sie haben dort nichts verloren. Sie belästigen meine Patientinnen.
Warum gibt es keine Bannmeile?
Hostenkamp Das war bislang eine politische Entscheidung. Es ist nicht zu verstehen. Ich verstehe auch nicht, dass die Fruchtbarkeitsmedizin in Gut und Böse geteilt wird: Kinderwunschbehandlung gut, Schwangerschaftskonflikt schlecht. Hier geht es um eine Medaille mit zwei Seiten. Ich hatte schon zwei Patientinnen, die nach einer Kinderwunschbehandlung bei mir waren. Eine Schwangerschaft konnte ich retten, die andere nicht, weil sich herausgestellt hat, dass die Frau die belastende Fruchtbarkeitsbehandlung nur gemacht hat, um ihrem Mann einen Herzenswunsch zu erfüllen.
Welches Thema spielt Verhütung in Ihren Gesprächen?
Hostenkamp Das ist zentral. Es ist der richtige Zeitpunkt zu besprechen, wie es nach dem Abbruch weitergeht. Wenn die Frau nichts über Verhütung wissen will, ist es für mich ein Alarmzeichen, dass sie eigentlich einen Kinderwunsch hat.
Haben Sie bei Frauen schon eine Behandlung abgelehnt?
Hostenkamp Das muss ich gar nicht. Wenn in der Verhütungsfrage Widerstände aufkommen, versuche ich das Thema auszuweiten. Manche ärgern sich dann und gehen.
Wie viele Schwangerschaftsabbrüche führen Sie durch?
Hostenkamp Es sind rund 300 im Jahr. Heuer hatten wir 175, zum gleichen Zeitpunkt im Vorjahr 149.
Sind Sie Anfeindungen ausgesetzt?
Hostenkamp Ich bekomme natürlich Zuschriften, vor allem religiöser Art. Ich habe auch Bedrohungen bekommen, dass ich erschossen werde. Das war aber nur ein einziges Mal, Ermittlungen dazu sind im Sand verlaufen. Verrückte gibt es immer. Auf meiner Webseite habe ich daher nur ein Bild, auf dem man mein Gesicht nicht erkennen kann. Ich muss ja nicht eine Zielscheibe für irgendwelche Killer werden.
Sind Sie mit der Landesregierung nun in Kontakt?
Hostenkamp Es laufen Verhandlungen. Ich hatte Kontakt mit Gesundheitslandesrätin Martina Rüscher und habe ihr Dokumente zur Verfügung gestellt. Ursprünglich war erst im Herbst ein Treffen geplant, nach langem Hin und Her wird es nun am 22. August stattfinden. Dann weiß ich mehr, wie weit sich der Staat engagieren will. Er muss eigentlich dafür sorgen, dass ein Gesetz durchführbar ist.
Finden die Gespräche aufgrund des öffentlichen Drucks statt?
Hostenkamp Schon. Vor einigen Jahren sagte ich, dass ich vorerst weiter mache. Damit war die Sache für alle erledigt. Nun bereitet die Fachgruppe der Gynäkologen eine Sitzung zu meinen Plänen vor, was ganz offensichtlich auf den öffentlichen Druck zurückzuführen ist. Die Fachgruppe weiß schon lange um die Problematik, kam dazu aber nicht auf mich zu. Was übrigens auch ein Problem ist: Meine Arbeit zu übernehmen, ist weder gesellschaftlich noch finanziell attraktiv, vor allem wenn man das allein macht.
Warum machen Sie es dann?
Hostenkamp Weil ich davon überzeugt bin, dass die Arbeit wichtig ist. Aber irgendwann ist auch mal Schluss.
Die Landesrätin sprach von einem laufenden Austausch mit Ihnen. Seit wann gibt es diesen?
Hostenkamp Seit diesem Sommer, also seit rund vier Wochen.
Glauben Sie, dass Sie bis zu Ihrem 71. Geburtstag die Pension antreten werden?
Hostenkamp Ich werde es noch maximal ein Jahr machen.
