Erste Zahlen: Immobilienmarkt im Land bricht ein

Vorarlberg / 11.11.2022 • 05:00 Uhr
Erste Zahlen: Immobilienmarkt im Land bricht ein
VN/Steurer, Marcel Mayer

Höhere Zinsen, Hürden bei der Kreditvergabe: Wohnungsverkäufe waren zuletzt deutlich rückläufig.

Schwarzach Vorarlbergs Immobilienmarkt kannte in den letzten Jahren nur eine Richtung: steil nach oben. Mittlerweile zeichnet sich allerdings eine Talfahrt ab. Die Goldgräberstimmung ist vorerst vorbei. Erste Zahlen lassen auf einen Einbruch bei Immobilienverkäufen schließen. Steigende Zinsen und neue Hürden auf dem Weg der Finanzierung bremsen das Geschäft merklich ein. An den ganz großen Absturz glauben Experten dennoch nicht.

Erste Zahlen: Immobilienmarkt im Land bricht ein

Interessenten ziehen sich zurück. Verkaufsgespräche auf der Zielgeraden enden ohne Abschluss. Erste Zahlen, die eine VN-Recherche im Grundbuch für die Monate August, September und Oktober hervorgebracht haben, zeigen einen deutlichen Rückgang bei Wohnungsverkäufen. So wurden zuletzt nur noch 789 Wohnungen verkauft, im selben Zeitraum des Vorjahres waren es noch 985.

Erste Zahlen: Immobilienmarkt im Land bricht ein
Bei Wohnungsverkäufen gibt es laut Grundbuch seit der neuen Kreditvergaberichtlinie ein sattes Minus von 19,9 Prozent. VN/Steurer

Das satte Minus von 19,9 Prozent fällt zeitlich mit der Einführung einer neuen Finanzierungsverordnung zusammen. Die Verdoppelung der Eigenmittel auf 20 Prozent und Hürden bei Schuldendienst und Laufzeit bleiben nicht ohne Folgen. Der Traum von den eigenen vier Wänden rückt für viele in weite Ferne. Dazu kommen noch die deutlich gestiegenen Zinsen.

Erste Zahlen: Immobilienmarkt im Land bricht ein
“Interessenten haben vermehrt Probleme, entsprechende Wohnbaukredite zu bekommen”, sagt Karlheinz Bayer, Geschäftsführer der i+R Wohnbau GmbH. Marcel Mayer

“Interessenten haben vermehrt Probleme, entsprechende Wohnbaukredite zu bekommen”, beschreibt Karlheinz Bayer, Geschäftsführer der i+R Wohnbau GmbH, die Praxis. Weit fortgeschrittene Verkaufsgespräche würden vorzeitig enden. “Tut mir leid, ich bin jetzt raus”, bekommen Bayer und seine Mitarbeiter demnach immer öfter zu hören. Die Fälle, wo sich Finanzierungen nicht mehr ausgehen, häufen sich. Eigentum lasse sich für manche jetzt nicht mehr realisieren.

Finanzierungsexperte Christian Hagspiel von der Dornbirner Sparkasse spricht von einem Rückgang um ein Drittel. <span class="copyright">Sparkasse Dornbirn</span>
Finanzierungsexperte Christian Hagspiel von der Dornbirner Sparkasse spricht von einem Rückgang um ein Drittel. Sparkasse Dornbirn

Die Erfahrungen decken sich. Christian Hagspiel leitet bei der Dornbirner Sparkasse das wohn2 und Finanzdienstleister-Center. Neue Vergaberichtlinie und gestiegene Zinsen würden die Möglichkeiten zur positiven Kreditvergabe deutlich reduzieren. Der Finanzierungsexperte beziffert den Rückgang alleine bei der Dornbirner Sparkasse mit rund einem Drittel. Das geforderte Eigenkapital lasse viele resignieren. Ausnahmekontingente, die Banken auch beim Eigenkapital einen gewissen Spielraum böten, seien fast ausgeschöpft. Die würden oft Kunden zustehen, die schon vor Monaten eine Finanzierungszusage erhielten. Bei weiteren Vergaben sei man deshalb sehr zurückhaltend, so Hagspiel.

Wolfgang Bösch, Hypo Immobilien, sieht keinen Nachfrageeinbruch. <span class="copyright">VN/Gasser</span>
Wolfgang Bösch, Hypo Immobilien, sieht keinen Nachfrageeinbruch. VN/Gasser

Eine Vollbremsung scheint der Immobilienmarkt dennoch keine hinzulegen. Vom großen Absturz spricht niemand. “Einen Nachfrageeinbruch sehen wir nicht”, sagt Wolfgang Bösch, Geschäftsführer von Hypo Immobilien. Allerdings spüre man bei Abschlüssen eine gewisse abwartende Haltung. Die Unsicherheit sei da. Interessenten würden stärker abwägen, sich bei der Entscheidung Zeit lassen.

Immobilienmarkt und Baubranche erlebten einen Boom. Jetzt zeichnet sich eine gewisse Eintrübung ab. <span class="copyright">VN</span>
Immobilienmarkt und Baubranche erlebten einen Boom. Jetzt zeichnet sich eine gewisse Eintrübung ab. VN

Die letzten Jahre hatten es gut mit der Branche gemeint. Mehr potenzielle Kunden als Wohnungen am Markt sorgten dafür, dass Projekte meist schon während der Bauphase ausverkauft waren. “Das werden wir so jetzt nicht mehr erleben”, glaubt Karlheinz Bayer von i+R Wohnbau. Drama sei das zwar keines, aber man müsse sich auf die neuen Gegebenheiten einstellen. Es scheint, als kehrten Zeiten wie vor dem großen Immobilienboom zurück.

Bei Grundstückskäufen werde man selektiver vorgehen. Diesen Trend ortet Karlheinz Bayer für die gesamte Branche. <span class="copyright">VN</span>
Bei Grundstückskäufen werde man selektiver vorgehen. Diesen Trend ortet Karlheinz Bayer für die gesamte Branche. VN

“Was wir in der Planung haben, bringen wir auch in die Umsetzung”, so Bayer. Die neue, alte Realität sei, dass nach Fertigstellung einer Wohnanlage noch nicht alle Einheiten verkauft seien. Bei Grundstücksankäufen werde man selektiver vorgehen. Bayer ortet darin einen allgemeinen Trend der Branche. Selbst verfüge man noch über ein gutes Grundstücksdepot für die nächsten Jahre.

Angebot und Nachfrage sollten am Ende Auswirkungen auf den Preis haben. Bei den zuletzt getätigten Transaktionen im Grundbuch lassen sich jedenfalls nur mehr leicht steigende Quadratmeterpreise für Wohnungen feststellen. Makler Wolfgang Bösch sieht bei Wohnungspreisen tendenziell eher eine Seitwärtsbewegung. Davon sei man auch ausgegangen.

In Zukunft dürfte es für vieler noch schwerer werden, sich ein Eigenheim zu leisten. <span class="copyright">VN</span>
In Zukunft dürfte es für vieler noch schwerer werden, sich ein Eigenheim zu leisten. VN

Zurückhaltender beurteilt Karlheinz Bayer die Preissituation. Er spricht zwar von “zarten Signalen”. “Wir merken aber noch nicht wirklich einen Rückgang bei den Baupreisen”. Eher handle es sich um einen Rückgang der Preisdynamik. So oder so: Die eigenen vier Wände dürften in Zukunft für viele noch schwerer erreichbar sein.