Das geht Reinhard Haller nach der Entlassung von Michi Perauers Mörder durch den Kopf

Vorarlberg / 10.10.2023 • 17:15 Uhr
<p class="caption">Reinhard Haller berichtet über die Schwächen im System vor dem Hintergrund der Entlassung jenes Mannes, der Michael Perauer 2018 getötet hat. <span class="media-container dcx_media_rtab" data-dcx_media_config="{}" data-dcx_media_type="rtab"> </span><span class="marker">VN/Stiplovsek</span></p>

Reinhard Haller berichtet über die Schwächen im System vor dem Hintergrund der Entlassung jenes Mannes, der Michael Perauer 2018 getötet hat.  VN/Stiplovsek

Der prominente Gerichtspsychiater fordert Kommission bei Entscheidung über mögliche Entlassung geisteskranker Gewalttäter.

Schwarzach Jener heute 29-jährige Afghane, der am 25. November 2018 den jungen Bregenzer Michael Perauer mit einem gezielten Messerstich in den Hals tötete und vom Gericht später für schuldunfähig erklärt wurde, ist seit Kurzem auf freiem Fuß. Seine Freilassung war für die Eltern des Opfers irritierend und wirft Fragen auf. Mit vn.at sprach Gerichtspsychiater Reinhard Haller (72) über die Problematik von Beurteilungen in Fällen wie diesem.

„Völlig unberechenbar, gefährlich, hochgradig abartig”. So und anders fiel die Expertise Ihrer Kollegin Adelheid Kastner zum Mörder von Michael Perauer aus. Wie kann sich das in fünf Jahren so ändern, dass man eine solche Person, zwar mit Auflagen, aber doch, in die Freiheit entlässt?

Ich möchte und kann nicht das Gutachten meiner Kollegin Kastner bewerten. Natürlich war ich von der Entlassung auch überrascht. Durchschnittlich bleiben nicht schuldfähige Täter nach einem Tötungsdelikt sieben bis acht Jahre in Gewahrsam, viele 20 Jahre und einige ein Leben lang. Man muss ja auch erwähnen, dass diese Personen bedingt und unter vielen Auflagen aus der Anstalt entlassen werden. Im konkreten Fall könnte man sich fragen, warum dieser Mann nicht abgeschoben wurde.

<p class="caption">Nasir Ahmad H. wurde am Landesgericht Innsbruck am 21. November 2019 für schuldunfähig erklärt. Jetzt wurde er bedingt entlassen.  <span class="media-container dcx_media_rtab" data-dcx_media_config="{}" data-dcx_media_type="rtab"> </span><span class="marker">VN/HK</span></p>

Nasir Ahmad H. wurde am Landesgericht Innsbruck am 21. November 2019 für schuldunfähig erklärt. Jetzt wurde er bedingt entlassen.  VN/HK

Ist es üblich, dass jener/jene Sacherverständige, der/die beim Prozess die Einweisung in eine Anstalt für abnorme Rechtsbrecher empfiehlt, auch das Gutachten für eine allfällige Entlassung macht?

Ja, das ist auch wegen dem personellen Engpass bei Gerichtsgutachtern durchaus üblich. Aber das Problem ist aus meiner Sicht ein anderes. Es sollte nicht ein medizinischer Gerichtsgutachter bzw. eine Gerichtsgutachterin alleine ein Sachverständigengutachten für den Richtersenat als Grundlage für dessen Entscheidung liefern müssen. Wir bräuchten da eine Kommission mit Experten aus anderen Bereichen.

Warum?

Weil in diesem Fall eine Kommission, wobei ich grundsätzlich gegen Kommissionen bin, eine ausgewogenere Einschätzung liefern kann, als ein Gerichtspsychiater alleine. Abgesehen von dem Riesendruck, der auf dem Gerichtspsychiater bei solchen Taten lastet. Was, wenn diese Person rückfällig wird? Dann lastet man das dem Gerichtsgutachter an. Ich weiß, wie das ist. Obwohl letztlich natürlich das Gericht die Entscheidung fällt.

Unvergessen: Michael Perauer, der als lebensfroher junger Mann einer sinnlosen Bluttat zum Opfer fiel. <span class="copyright">VN/Paulitsch</span>
Unvergessen: Michael Perauer, der als lebensfroher junger Mann einer sinnlosen Bluttat zum Opfer fiel. VN/Paulitsch

Wie kann man sicherstellen, dass der Täter die ihm vorgeschriebenen Psychopharmaka auch tatsächlich einnimmt?

Das ist kein Problem. Diese Medikamente werden in einem solchen Fall injiziert und wirken vier Wochen lang. Danach muss der bedingt entlassene Täter ja wieder zur nächsten Injektion erscheinen. Ein Problem sind oft die Einhaltung der verfügten Auflagen generell. Weil die oft nicht eingehalten werden, und das System darauf sehr lange nicht reagiert. Das heißt: Jemand hält die Auflagen nicht mehr ein und bleibt trotzdem auf freiem Fuß.

<p class="caption">Vor der Innsbrucker Dreiheiligenkirche unweit des Tatorts gibt es eine Gedenkstätte für Michael Perauer und andere Opfer von Gewalt.  <span class="media-container dcx_media_rtab" data-dcx_media_config="{}" data-dcx_media_type="rtab"> </span><span class="marker">TT/Böhm</span></p>

Vor der Innsbrucker Dreiheiligenkirche unweit des Tatorts gibt es eine Gedenkstätte für Michael Perauer und andere Opfer von Gewalt.  TT/Böhm

Bei dem Mann, der Michael Perauer tötete, wurde schwere Schizophrenie diagnostiziert. Lässt sich die überhaupt heilen?

Nein. Schizophrenie ist grundsätzlich nicht heilbar. Man kann nur die Symptomatik relativ gut durch Medikamente behandeln und dadurch unterdrücken. Schizophrenie spielt bei Tötungsdelikten immer wieder eine Rolle. 15 Prozent davon werden von schizophrenen Personen verübt.

Wann ist ein Schizophrener für andere eine Gefahr?

Die schizophrene Person ist dann für andere eine Gefahr, wenn sie Wahnideen entwickelt. Es gibt Formen von Schizophrenie, von denen für andere Menschen keine Gefahr ausgeht. Grundsätzlich sind psychisch kranke Menschen nicht gefährlicher als psychisch Gesunde. Aber es gibt Schizophrenie-Kranke, die viermal gefährlicher sind als gesunde Menschen, nehmen sie Drogen steigt ihre Gefährlichkeit auf das Achtfache, werden sie nicht behandelt auf das 16-fache.

Kann man Schizophrenie auch vortäuschen?

Einen erfahrenen Psychiater kann man da eigentlich nicht täuschen. Vor allem, wenn dieser die ganze Geschichte einer Person beleuchtet.

Sie sprachen vom Druck, der auf einen Gutachter bei Tötungsdelikten lastet. Wie haben Sie den selbst schon zu spüren bekommen?

Ich wurde auch schon von Opfer-Angehörigen nach einem Gutachten zur Rede gestellt. Aber nicht vergesse ich das Schicksal eines Münchner Kollegen. Der hat nach dem Tötungsdelikt eines Rückfalltäters, den er positiv begutachtet hatte und dann im Fokus heftiger Kritik stand, Suizid begangen.