Der Seebühnenmeister ist ein Finne

Sami Kyllönen ist der Liebe wegen nach Vorarlberg gereist und hier hängengeblieben.
BREGENZ, Feldkirch Finnen sind introvertiert, distanziert und nicht gerade gesprächig. Das wird ihnen zumindest nachgesagt. Auf Sami Kyllönen treffen diese Eigenschaften nicht zu. Er redet gern und ist gern unter Leuten. „Darum zweifeln manche Vorarlberger daran, dass ich ein echter Finne bin. Ich bin ein echter Finne“, stellt er klar. „Ich habe eine typisch finnische Lebenseinstellung und pflege die Saunakultur.“

Samy Kyllönen hat vor dem Festspielhauseingang gewartet. Der Weg zur Seebühne, dem Arbeitsplatz des 52-jährigen Bühnenmeisters, führt über einen Steg. Auf der Bühne herrscht rege Betriebsamkeit. Während vor den Kulissen Mitwirkende für die Seeaufführung „Der Freischütz“ proben, wuseln hinter den Kulissen Bühnenbauer und Techniker durch ein Labyrinth von Gerüsten und dunklen Gängen. Irgendwo dort ist Samis Büro. Schlicht, mit Blick auf den See. Er schließt die Türe, lässt sich auf den Bürostuhl fallen und gewährt nun Einblick in sein Leben, das im April 1972 in Finnland begonnen hat und sich seit 1992 in Vorarlberg abspielt.
Sami wächst in mehreren Ortschaften im finnischen Seenland auf. Er hat drei Brüder und eine Schwester. Der Vater ist Kaufmann, die Mutter Lehrerin. Sami absolviert die Grundschule, danach das Gymnasium.

In den Sommerferien 1989 – Sami ist Schüler am Gymnasium – hält er sich in Frankreich auf. „In Paris begegnete ich einer wunderschönen Frau, einer Vorarlbergerin“, erzählt er. „Sie lud mich ein, zu ihr zu kommen“. Es vergehen mehr als zwei Jahre, bis Sami die Matura abgelegt und den obligatorischen Militärdienst geleistet hat. „Dann reiste ich nach Vorarlberg, um zu schauen, wie das Leben dort so ist.“ Es gefällt ihm hier. Er bleibt. Heiratet die schöne Vorarlbergerin und gründet mit ihr eine Familie. Benjamin kommt 1997 zur Welt, Simeoni 1999, Joonatan 2003, Leevi 2006. „Meine vier Söhne sind das Beste, das ich in meinem Leben erreicht habe“, sagt Sami stolz. Die Ehe ist mittlerweile geschieden. Sami hat indes wieder eine Frau an seiner Seite: „Sie ist Schweizerin aus dem Tessin und bedeutet mir sehr viel.“ Ihretwegen motzt Sami nun seine italienischen Sprachkenntnisse auf. Neben seiner eigenen Sprache und etwas Italienisch beherrscht er Schwedisch, Englisch und Deutsch. „Als Finne muss man mehrere Sprachen können“, erklärt er. „Denn unsere Sprache spricht man nirgendwo anders als in Finnland.“
Seine berufliche Laufbahn hat in Vorarlberg begonnen. Am Anfang arbeitet er in einem Spar-Supermarkt. Dann entscheidet er sich für die Ausbildung zum Tischler. Als Maturant schließt er die Lehre in nur zwei Jahren ab. Bald darauf wendet er sich dem Kunsthandwerk zu: „Ich habe viele schöne Sachen geschaffen und international verkauft, sowie Ausstellungen gemacht.“ Nachdem er auch Requisiten für die Festspielbühnen gebaut hat, bekommt er 1996 ein Jobangebot in der Tischlerei der Bregenzer Festspiele. Bald darauf wird er auf der Seebühne als Bühnentechniker engagiert, legt die Bühnenmeisterprüfung ab und steigt zum Bühnenmeister auf. In diesem Jahr ist Sami zudem die Projektleitung für den Bau der Häuser anvertraut worden, welche die Dorfkulisse für die Seeaufführung bilden.

Wenn am 18. August die letzte Vorstellung über die Seebühne geht, wird Sami – nach all den sehr langen, intensiven Arbeitstagen und Arbeitsnächten – eine Auszeit nehmen: „Ich stehe seit einem Jahr konstant unter Hochspannung. Ich muss dann einfach weg.“ Er wird nach Finnland reisen. „Zwei Monate bleibe ich dort. Dann schaue ich, wo ich landen werde.“
Seinen Hobbys geht Sami in weniger hektischen Zeiten nach. Zum Beispiel bedruckt er T-Shirts mithilfe des Siebdruckverfahrens. „Ich habe auch noch meine kleine Werkstatt, in der mein Kunsthandwerk entsteht.“ Außerdem spielt er Eishockey mit seinen Söhnen. „Oft muss ich dabei von meinen Jungs Demütigungen hinnehmen. Ich bin halt schon so alt“, sagt er und lacht.
Heimweh? „Ja. Immer im Mittsommer. Das ist eine besondere Zeit.“ Das Mitsommerfest zur Sommersonnenwende gehört zu den Traditionen Finnlands, genauso wie das Weihnachtsessen am Heiligabend. Den Weihnachtsbrauch hat Sami nach Vorarlberg mitgebracht: „Da kommt die ganze Familie zusammen, und dann wird den ganzen Tag gegessen.“ Das Hauptgericht des finnischen Weihnachtsmahls ist der Joulukinkku, ein im Ofen gebackener Schweineschinken mit Schwarte. „Diesen speziellen Schinken kaufe ich immer in derselben Metzgerei in Feldkirch. Wie die anderen hier lebenden Finnen.“

Vielleicht wird er eines Tages wieder nach Finnland zurückkehren, sinniert Sami Kyllönen. „Doch jetzt will ich in dem Ort leben, wo meine Söhne leben. Das ist in Feldkirch-Tosters.“