Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

„Die Dame mit dem Hündchen“

Vorarlberg / 30.01.2025 • 07:05 Uhr

So heißt die Erzählung von Anton Tschechow, meinem Lieblingsschriftsteller, er zeigt uns darin die Liebe zwischen Anna und dem verheirateten Gurow.

Ich leihe mir für meine Geschichte seinen Titel aus. Sie wird auch von einer Dame mit einem Hündchen handeln. Meine Dame ist achtzig Jahre alt, und ihr Hündchen leidet an Arthrose wie seine Herrin. Die Geschichte spielt in den Schweizer Bergen. Neun Frauen sitzen am Kamin und erzählen. Ich unter ihnen.

Die Dame mit dem Hündchen heißt Olga. Sie hat ihren Glitzerpullover mit zu viel Chanel besprüht. Sie erzählt:

„Ich wurde als zwölfjähriges Mädchen nach England geschickt, um auf fremde Kinder aufzupassen, die gar nicht viel jünger waren als ich. Ich konnte kochen und ein paar Brocken Englisch. Die Gastgeber waren Bekannte meines Vaters. Die drei Kinder, Brüder, liebten mich, weil ich ihr Clown war. In einem fort machte ich Späße, überall kannte man mich und verlangte meine Faxen. Manchmal ging es mir auf die Nerven, ich ließ mir aber nichts anmerken, ich schlug Räder oder versteckte mich unter dem Tisch und zog den Gästen die Schuhe aus. Ich spazierte mit der Milchkanne auf dem Kopf durch das Wohnzimmer. Die Leute hielten sich ihre Bäuche vor Lachen. Morgen zeige ich Ihnen ein Foto von mir aus jener Zeit. Ich kann kaum glauben, dass ich einmal so zauberhaft war, jetzt, wo ich nur mehr hässlich bin. Meine Gastgeberin organisierte Partys mit ihren noblen Freundinnen, ich drehte und drehte mich und bekam Trinkgeld. Bald konnte ich fließend Englisch.

Ich blieb in London bis ich Mitte zwanzig war. Da waren mir die Späße bereits verleidet.

Als meine Gastgeberin starb, reiste ich wieder nach Hause, um meine kranke Mutter zu pflegen. Sie wünschte sich eine gute Partie für mich. Sie annoncierte in der besten deutschen Zeitung mit meinem Bild – das alles, ohne mich zu fragen. Die Annonce hatte ihre Ersparnisse aufgebraucht. Wie Sie sich denken können, bekam ich ziemlich viel Post. Ernst zu nehmende Angebote gab es nur zwei: ein Professor und ein Operndirektor.

Ich wählte den Operndirektor, weil ich mir  einbildete, gut singen zu können und mir eine Karriere als Sängerin erträumte. Noch so spät! Wie dumm! Der Operndirektor fand mich zwar unbegabt, aber ihm gefielen meine Schlagfertigkeit und meine Witzbegabung. So machte er mir dann doch noch einen Heiratsantrag. Wir hatten oft Gäste, die ich unterhalten sollte. Aber mir hat das nicht mehr gefallen.

Ich besuchte jede Opernaufführung lernte Sängerinnen und Sänger kennen und die Leute aus höheren Kreisen. Ich blieb bis zu seinem Tod bei ihm. Ich erbte das Opernhaus. Ich hatte gar nicht gewusst, dass es ihm persönlich gehörte. Auch er hatte es geerbt. Ich verkaufte es. Jetzt verschleudere ich das Geld.“

Das Hündchen versuchte zu bellen.

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.