Der Hase war’s

Edith Hofer mit „A Rose is a Lily is a Bunny is a …” in der Galerie Lisi Hämmerle.
Bregenz Die amerikanische Schriftstellerin, Verlegerin und Kunstsammlerin Gertrude Stein (1874-1946) schrieb bereits 1913 „Rose is a rose is a rose is a rose“, einen Satz aus ihrem Gedicht „Sacred Emily“, der erst viele Jahre später große Berühmtheit erlangen sollte. Interpretiert wird „Rose is a rose is a rose …“ als „Dinge sind, was sie sind“. Für Stein selbst drückte dieser Satz aus, dass der Name einer Sache deren Bild und die damit verbundenen Gefühle verkörpert.
Eine einzelne Rose hat eine reale Existenz, „die Rose“ an sich, als Begriff, hat hingegen nur eine rein gedankliche Existenz. Bei Edith Hofer kann die Rose eine Lilie, ein Hase, ein … sein, aber der Ausgangspunkt für all ihre Objekte ist das kleine Plüschtier, ein Hase, eine nostalgische Erinnerung, als die Welt noch in Ordnung war; bis der Hund kam und das kleine Plüschtier zu seinem Spielzeug auserkor und ihn zerfetzte.
Hofer hat ihren „Plüschhasen“ immer wieder „zurückgemalt“, um ihn wieder „zurückzubekommen“, allerdings fehlten dem Hasen die Haptik, sein Pelz, die Haare. Das erste Objekt, das Edith Hofer mit einem „Pelz“ bzw. mit „Haaren“ überzog, war 1995 ein ordinärer Wäscheständer. Die in Deutschland geborene Surrealistin Meret Oppenheim überzog 1936 eine Teetasse, eine Untertasse und einen Löffel mit einem chinesischen Gazellenfell und nannte das Objekt „Frühstück im Pelz“, eines der Schlüsselwerke des 20. Jahrhunderts. Edith Hofer verwendet für ihre Plastiken ausschließlich Fellimitat, also Kunstpelze, Drähte und Füllmaterial; sie formt nach ihrem Gutdünken und näht ihre Objekte selbst von Hand. Für die Ausstellung entstanden verschiedene „Lilys“, genauer sechsblättrige Lilienblüten in verschiedenen Größen, ihre neuesten Produktionen (2024/2025). Aber natürlich darf auch der Hase nicht fehlen, der sich selbstzufrieden in einer Zinkwanne räkelt (Splish-splash, 2025). Hofer konzipiert aber nicht nur Kunst-Objekte, sie entwickelt damit vielmehr „Wohlfühlräume“, anschmiegsame, flauschige Körper, in die man eintauchen kann, mit denen man sich umhüllen kann, zur Ruhe betten kann. Die zwölf Aquarelle aus der Serie „Pink Lily“ (2024) üben eine starke suggestive Wirkung auf den Betrachter aus. Deren Grundform ist eine „Mandorla“ (Mandel), man kann auch von einer Glorie oder Aura sprechen; bekannt sind Mandorlas aus der sakralen Kunst, vor allem in den Tympanas an der Westseite gotischer Kathedralen auszumachen: Christus als Weltenrichter thront meist in einer Mandorla. Edith Hofer sieht in diesen Aquarellen eher einen Zusammenhang mit einem Anasyrma (altgriechisch, deutsch: sich die Kleider hochziehen, entblößen), also einer Darstellung mit apotropäischer (abwehrend, abschreckend) Wirkung, oder aber auch zum Lachen verleiten kann. Selbst die Westfassade des Wiener Stephansdoms kennt die Darstellung einer Vulva und eines Phallus.
Wie sagt Daniela Egger „Wie zärtlich doch das genähte / Eine Umarmung / in Plüsch / bei Bedarf einfach / umgenäht“ und Marina Hämmerle fügt noch hinzu „… das Unterbewusste wagt sich in die dritte Dimension, wird Körper. Weicher Körper, biegsam, zart, robust.“ Die Texte der beiden Vernissagerednerinnen werden während der gesamten Ausstellungsdauer aus dem Off zu hören sein.
Thomas Schiretz