Höchste Suizidrate in Vorarlberg seit 2005: “Viele kleine Entwicklungen, die großes Trauma ergeben”

Drei Jahre in Folge ist die Zahl der Suizide in Vorarlberg gestiegen. 64 Menschen nahmen sich im Vorjahr das Leben. Besonders alarmierend: Der Anteil der betroffenen Frauen hat sich im Vergleich zum Vorjahr beinahe verdoppelt. Experten sehen darin einen Hinweis auf gesellschaftliche Belastungen und sprechen sich gegen Mittelkürzungen aus.
Darum geht’s:
- Suizidbericht 2024 vorgestellt: Im Vorjahr stiegen Suizide in Vorarlberg signifikant.
- Berichtsautoren fordern “antisuizidalen Ruck” durch die Gesellschaft.
- Vereinsamung, gesellschaftliche Belastung als zentrale Risikofaktoren erwähnt.
Bregenz Die Warnung kommt nicht unerwartet, aber sie ist deutlich: 64 Menschen haben sich im Jahr 2024 in Vorarlberg das Leben genommen. Das sind zehn Suizide mehr als im Jahr zuvor, so viele wie seit 2005 (69 Suizide) nicht mehr. Die nun schon zum dritten Mal gestiegene Zahl wird von den Autoren des Suiziberichts nicht als bloßer “statistischer Ausreißer” gewertet, sondern als mögliches Signal für eine Trendumkehr.
Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von Sonstige angezeigt.
“Es braucht wieder einen antisuizidalen Ruck durch die Gesellschaft”, fordert Psychiater und Berichtsautor Reinhard Haller, der den Suizidbericht 2024 des aks Gesundheit gemeinsam mit Psychiater Albert Lingg und Psychologin Isabel Bitriol-Dittrich verfasst hat. Seit 1987 veröffentlicht der aks den Bericht anlässlich des Welttages der Suizidprävention am 9. September, der sich auf die Daten der Statistik Austria und jene des aks-Suizidregisters stützt. Während die Suizidzahlen national kaum stiegen, nahmen diese in Vorarlberg in den vergangenen vier Jahren kontinuierlich zu. Die Suizidrate in Vorarlberg liegt 2024 bei 15,6 pro 100.000 Einwohner und damit über dem von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) formulierten Zielwert von 15.
Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von Sonstige angezeigt.
“Dauerbelastung hinterlässt Spuren”
“Ein einziger Hauptgrund für den Anstieg konnte nicht festgestellt werden”, betonen die Berichtsautoren. Vielmehr sei es das Zusammenspiel zahlreicher Belastungsfaktoren, das Menschen in die Krise treibe. Die allgemeine gesellschaftliche Lage mit Teuerung, Kriegen, Umweltängsten und wirtschaftlicher Unsicherheit spielt eine Rolle, erklärt Albert Lingg: “Diese Dauerbelastung hinterlässt Spuren.” Der Bericht verweist zudem auf die sogenannte negative Kompensation der Corona-Jahre: Während die Suizidzahlen zu Beginn der Pandemie überraschend sanken, ist der Anstieg nun möglicherweise ein Nachschwanken.
Als einen der wichtigsten Risikofaktoren bezeichnet Haller einmal mehr die soziale und emotionale Vereinsamung: “In Vorarlberg, wo früher starke Nachbarschaften geholfen haben, wirkt sich die zunehmende Verstädterung und Anonymisierung besonders aus.”
Beinahe Verdoppelung bei Frauen
Auffällig ist heuer vor allem die Zunahme der Suizide bei Frauen: 21 der 64 Suizidopfer im Vorjahr waren weiblich, im Jahr zuvor waren es noch 11. Während die Zahl der Männer mit 43 auf dem hohen Niveau blieb, hat sich der Frauenanteil damit fast verdoppelt. Die Ursachen dafür sind vielschichtig, so die Autoren: Frauen sehen sich häufig mit einer Doppelbelastung aus Beruf und Familienverantwortung konfrontiert. Fehlende Betreuungsangebote, gesellschaftliche Rollenerwartungen und die zunehmende Vereinsamung erzeugen zusätzlichen Druck.
Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von Sonstige angezeigt.
Wer betroffen ist
Nach wie vor sind es überwiegend Menschen im mittleren Lebensalter, die betroffen sind. Die Betroffenheit der über 65-Jährigen ist ähnlich hoch wie in ganz Österreich. Es gab einen Kindersuizid, bei Jugendlichen hingegen keine Auffälligkeiten mehr wie im Vorjahr.
Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von Sonstige angezeigt.
Bei neun der 64 Suizidfälle gab es nachweisbare Kontakte zur Drogenszene. Zwölf der Verstorbenen waren im Ausland geboren. In 22 Fällen wurde ein Abschiedsbrief gefunden.
Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von Sonstige angezeigt.
Assistierte Suizide, die seit 2022 in Österreich unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt sind, werden im Vorarlberger Suizidregister nicht erfasst und sind daher nicht Teil des aktuellen Suizidberichts.
“Versorgungssystem ist gestresst”
Die Studienautoren machen auch systemische Versorgungsdefizite für den Anstieg verantwortlich: lange Wartezeiten bei Fach- und Hausärzten, zu wenig Personal in Psychiatrie und Pflege, fehlende Kassenplätze für Psychotherapie. Besonders problematisch sei, dass das Unterbringungsgesetz in vielen Fällen eine längerfristige stationäre Betreuung nicht mehr zulasse.
“In der Akutpsychiatrie zählt oft jede Stunde. Wenn Hilfe zu spät kommt, kann das tödlich enden.”
Kritisch äußerten sich die Experten zur aktuellen Lage im psychosozialen Bereich, der auch von Mittelkürzungen betroffen ist. “Das Versorgungssystem ist nicht schlechter geworden, aber maximal gestresst”, bringt es Lingg auf den Punkt. Gerade in Zeiten sozialer Einschnitte ist es wichtiger denn je, die Entwicklung der Suizidzahlen genau im Blick zu behalten, denn sie seien ein früher Indikator für gesellschaftliche Fehlentwicklungen.
Hilfe und Beratung
Wenn Sie oder jemand in Ihrem Umfeld in seelischer Not sind: Bitte sprechen Sie darüber. Hilfe zu suchen, ist stark.
- Sozialpsychiatrische Dienste:
- SpDi Bregenz
+43 (0)50 411 690
bregenz@spdi.at
Mo–Fr 09:00–14:00 Uhr - SpDi Bregenzerwald
+43 (0)50 411 686
bregenzerwald@spdi.at - SpDi Dornbirn
+43 (0)50 411 685
dornbirn@spdi.at - SpDi Feldkirch
+43 (0)50 411 680
feldkirch@spdi.at - SpDi Bludenz
+43 (0)50 411 670
bludenz@spdi.at
- Die österreichweite Telefonseelsorge ist ebenfalls jederzeit unter 142 gratis zu erreichen.
- SUPRO – Kompetenzzentrum für Gesundheitsförderung und Prävention: www.supro.at
- Österreichische Gesellschaft für Suizidprävention: www.suizidpraevention.at