“Wer nicht erzählt, trägt zum Vergessen bei”

Vorarlberg / 09.09.2025 • 11:59 Uhr
Michael Köhlmeier
Michael Köhlmeier ist seit 40 Jahren mit Robert Dornhelm befreundet.
Peter Andreas Hassiepen

Michael Köhlmeiers neuer Roman Dornhelm umfasst die Lebenserinnerungen des von Rumänien via Wien in die USA ausgewanderten Regisseurs Robert Dornhelm. 

Hohenems Michael Köhlmeiers neuer Roman “Dornhelm. Roman einer Biografie” umfasst die Lebenserinnerungen des Regisseurs Robert Dornhelm, der von Rumänien über Wien in die USA auswanderte. Entstanden ist das Buch in 13 intensiven Gesprächen zwischen den beiden, die seit mehr als 40 Jahren befreundet sind. Gemeinsam erzählen sie Geschichten über Herkunft und Ankunft, über Kommunisten und Kapitalisten, über Kino, Schauspielerinnen und Literatur – mal komisch, mal traurig. Eine kleine Geschichte des Kinos und zugleich eine große Abschweifung des Lebens.

Dornhelm, im Untertitel „Roman einer Biografie“ – Wann haben Sie die Idee für diesen Roman in der nun vorliegenden Form geboren?

Robert Dornhelm und ich kennen uns seit 40 Jahren. Ich war von Beginn unserer Freundschaft an beeindruckt von dem, was er über sein Leben erzählt hat. Sein Leben und das seiner Familie spiegeln die Tragödien des 20. Jahrhunderts wider.

"Wer nicht erzählt, trägt zum Vergessen bei"

Die täglichen Treffen, die zum Roman führten, die Sitzungen mit Robert waren ähnlich einer Psychoanalyse von Freud. Eine interessante Erfahrung?

In dieser konzentrierten Fassung ja. An manchen Tagen war ich nicht der Analytiker, sondern der Verhörer, dann der Freund, dann der Beichtvater. An manchen Tagen haben sich die Rollen vertauscht, ohne dass wir es wollten, da hat mich dann Robert befragt und genervt.

Viele Filme werden zitiert. U.a. „Spiel mir das Lied vom Tod“: Der Film ist auch eine Geschichte des Wartens. Haben wir zu warten verlernt?

Sie stellen interessante Fragen. Das Warten lernt man beim Warten. Aber während Lernen in allen anderen Fällen aktiv ist, gibt es beim Warten-Lernen nichts zu tun. Ich muss also lernen, nichts zu tun. Schwer!

Das Thema Auswandern ist in Roberts Erinnerungen notgedrungen ein elementares Thema: Die große Idee des Auswanderns wird heute weltweit drastisch unterbunden – zu Recht? 

Niemand verlässt seine Heimat, wenn er dort die Möglichkeit für ein glückliches Leben hat. Einwanderung, Auswanderung – niemand kann bezweifeln, dass solche Bewegungen sich zu gefährlichen Problemen ausweiten. Aber das gibt niemandem das Recht, politisch durchzudrehen. Zusammenleben bedeutet, stark sein und nicht feige, das Hirn anzustrengen und nicht die Fäuste auszufahren, autark sein und nicht dem Krakeelen von Hetzern zu folgen.

"Wer nicht erzählt, trägt zum Vergessen bei"
Robert Dornhelm ist ein österreichischer Filmregisseur. APA/HANS KLAUS TECHT

Von der Geschichte des rostigen Nagels bis zum Hund namens Bella, Roberts Geschichten kommen mit großer Wucht, zugleich wurden sie von Ihnen ohne Energieverlust niedergeschrieben. Sie prägen den Roman.

Wer nicht erzählt, was wert ist, erzählt zu werden, der trägt zum Vergessen bei. Das meine ich nicht nur im großen historisch-politischem Sinn. Ich meine es ganz privat. In manchen Fällen zu manchen Zeiten decken sich Privates und Historisches. In der Geschichte von Robert Dornhelm ist das so.

Kurz zu Roberts Eltern in seinen Erinnerungen: Die große Tragödie ist, wenn der Mann nach dem Tod seiner Frau die Nahrungsaufnahme verweigert, 10 Tage nach ihr stirbt und sie eigentlich nichts von dieser großen Zuneigung gewusst hat. Das hat das Format für eine Oper, oder?

Der Mann hat unter den Nazis gelitten, war unter den Kommunisten im Gefängnis. Er hatte vielleicht keine Tränen mehr, die davon hätten erzählen können, was in ihm vorgeht.

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„Requiem für Dominic“ – Ihr in L.A. niedergeschriebenes Drehbuch, Roberts Film. Was war für Sie so herausfordernd, bzw. irritierend, dass Sie bis heute noch einen weiten Bogen um Drehbuchaufträge machen?

Ben Hecht, der Shakespeare unter den Drehbuchautoren, antwortete auf die Frage, warum Drehbuchautoren so viel verdienen: Dreiviertel des Honorars ist Schmerzensgeld. Ein Drehbuch zu schreiben, ist für einen Schriftsteller, der ein Dichter sein will, grauenhaft. Halb so wie das Verfassen einer Anleitung für eine Waschmaschine, halb fremdbestimmt durch Produzenten, Regisseure, Schauspieler. Und am Ende kriegen die anderen den Ruhm. Den Drehbuchautor kennt niemand.

Roberts Erinnerungen enden inklusive weihnachtlicher Schneegestöber mit Grace Kelly, Leonard Bernstein und eben Robert Dornhelm im Central Park vor dem legendären Dakota Building, sehr festlich. Das ist eigentlich ein gelungener Abspann für ein gelungenes Leben, oder?

Sie sagen es.

Martin G. Wanko