So wenige Geburten wie noch nie seit 1946

Land geht von einem weiteren Rückgang im vergangenen Jahr aus. Was dahinter steckt.
SCHWARZACH. Julia Schwarzmann aus Schröcken ist junge Mutter: Im November hat die 32-Jährige den kleinen Pius zur Welt gebracht. Er ist ein bisschen zu früh gekommen und daher war alles etwas herausfordernd. Trotzdem sind sie und ihr Mann Jakob (28) „happy“, wie sie betonen: Beide freuen sich, dass es mit der Familiengründung geklappt hat.
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Pius ist eines von 3654 Kindern, die im vergangenen Jahr in Vorarlberg zur Welt gebracht worden sind. Von dieser Zahl geht die Landesstelle für Statistik in einer ersten offiziellen Schätzung aus: Es handelt sich um die niedrigste, die es hierzulande seit 1946 gegeben hat.
Die bisher niedrigste hat es 1950 mit 3659 gegeben. Damals lebten aber noch halb so viele Menschen im Land wie heute. Gemessen an der Bevölkerung hat es im vergangenen Jahr daher jedenfalls viel weniger Geburten gegeben.

Der gegenwärtige Geburtenrückgang dauert schon länger an. Er beschränkt sich bei weitem nicht nur auf Vorarlberg. Es handelt sich um einen internationalen Trend. Isabella Buber-Ennser, die sich an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften damit befasst, sagt zu den Gründen ganz offen: „Wir fischen im Trüben.“
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Natürlich gebe es „harte Fakten“. So zeige sich bei Befragungen, dass Paare einen Kinderwunsch aufgrund von globalen Unsicherheiten oder der Teuerung aufschieben oder gar aufgeben würden. Es dürfte jedoch viel mehr dahinterstecken. „Früher haben junge Männer in der Regel angegeben, einmal eine Familie haben zu wollen“, berichtet Buber-Ennser beispielsweise: „Heute sind sich wesentlich mehr nicht mehr sicher oder sagen überhaupt klar „nein“ dazu.“

„Die sinkende Geburtenrate wird schnell als finanzielles Problem beschrieben“, bestätigt Guntram Bechtold, Obmann des Vorarlberger Familienverbandes: „Aus unserer Sicht ist das aber nur ein Teil der Wahrheit.“ So sei immer wieder zu hören, dass es zwar einen Kinderwunsch gebe, dieser unter anderem aber mit Zeitknappheit sowie einem Bedürfnis nach Stabilität und Selbstbestimmung konkurriere. Politische Antworten, die primär finanziell ansetzen, könnten diese Abwägungen nur begrenzt beeinflussen, so Bechtold.
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Zumal bei der Entwicklung auch dies berücksichtigt werden müsse: Ausbildungen würden länger dauern, der Einstieg ins Berufsleben erfolge später – ja, unter Umständen sogar zu spät für eine Familiengründung: In Vorarlberg sind Mütter bei Geburten durchschnittlich 31,8 Jahre alt. Auch beim ersten Kind, bei dem es oft bleibt, liegt das Alter im Mittel über 30.
Bohuslav Bereta, Geschäftsführer des Ehe- und Familienzentrums der Diözese Feldkirch, nimmt mit seinen Kolleginnen und Kollegen in der Beratung ebenfalls vielschichtige Entwicklungen wahr.

So hätten für viele Menschen Aspekte wie Selbstbestimmung, Planbarkeit und Optimierung massiv an Bedeutung gewonnen, berichtet er; ob im beruflichen oder im privaten Leben. Der Punkt ist: In Bezug auf Kinder bestehe in Verbindung damit die Sorge, dass durch sie zu vieles durcheinanderkommen könnte – vor allem auch, wenn es um ein zweites oder drittes gehe.