“Warum tust du dir das nochmal an?” – Hämmerle über den Druck bei Olympia

Vorarlberg / 10.04.2026 • 11:59 Uhr

Snowboardcrosser Alessandro Hämmerle spricht bei “Vorarlberg LIVE” offen über Druck, Zweifel und seinen emotionalsten Moment. Der 32-Jährige erzählt im Gespräch mit VOL.AT-Sportchef Simon Bitriol, warum dieser Sieg anders war, wie ihn Gehirnerschütterungen geprägt haben und was ihn antreibt.

Ein Moment wie in Zeitlupe

Es ist dieser eine Augenblick, der sich eingebrannt hat. “Das ist so ein kleiner Zeitlupenmoment”, beschreibt Alessandro Hämmerle den entscheidenden Abschnitt seines Finallaufs. Der Schlusssprung, der Blick zu den Konkurrenten und das Gefühl, mehr Geschwindigkeit als seine Gegner zu haben.

Als er die Ziellinie überquert, ist da nicht sofort Jubel, sondern zuerst Erleichterung. Der Körper ist leer, völlig ausgepowert. “Ich war komplett fertig”, sagt er. Und doch kommt im selben Moment ein Energieschub, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Der Blick geht sofort Richtung Team, Richtung Familie. Es ist dieser eine Moment, den man nicht planen kann.

Zweiter Sieg, anderer Druck

Der erste Olympiasieg vor vier Jahren war wie ein Rausch. Beim zweiten Mal ist vieles anders. “Beim ersten Mal ist alles komplett surreal”, sagt Hämmerle. “Jetzt hat man die Erfahrung und genau das macht es schwieriger.”

Denn mit der Erfahrung kommt die Erwartung. Plötzlich ist man nicht mehr der Jäger, sondern der Gejagte. “Du weißt, dass alle auf dich schauen.” Ein Satz, der viel über die Realität im Spitzensport erzählt.

Gleichzeitig hat ihm genau dieser erste Erfolg auch geholfen. “Ich habe gewusst, ich habe schon eine Medaille daheim.” Ein Gedanke, der Druck nimmt, zumindest ein Stück weit. Und doch bleibt Olympia eine Ausnahmesituation. “Das ist mental nie einfach”, sagt er. Auch nicht beim zweiten Mal.

"Warum tust du dir das nochmal an?" – Hämmerle über den Druck bei Olympia
Der Druck im Spitzensport ist immens groß. ©APA

Taktik statt Instinkt

Was im Fernsehen oft nach purem Instinkt aussieht, war in Wahrheit ein fein abgestimmter Plan. Hämmerle ging nicht topfit ins Rennen, war angeschlagen, musste seine Kräfte einteilen. Vollgas von oben bis unten? Keine Option.

Also setzte er auf Geduld und Strategie. “Wir hatten einen klaren Plan”, sagt er. Nach dem Start nutzte er bewusst den Windschatten und beobachtete seine Konkurrenten. Zweimal wurde es eng, zweimal kam es zu leichten Berührungen. Situationen, in denen ein Rennen schnell vorbei sein kann. Doch Hämmerle blieb ruhig, selbst als er lange nur auf Rang drei lag.

Seine Chance kam in der vorletzten Kurve. “Da habe ich nochmal alles reingehauen”, sagt er. Dass genau dieser Plan aufgeht, nennt er selbst “ein bisschen ein Märchen”.

"Warum tust du dir das nochmal an?" – Hämmerle über den Druck bei Olympia
Hämmerle gewann seine zweite Olympia-Goldene auf der Zielgeraden. ©GEPA

Zwischen Selbstvertrauen und Druck

Die Saison vor Olympia lief nicht perfekt. Oft früh ausgeschieden, gute Trainingszeiten, aber wenig zählbare Ergebnisse. Für viele wäre das ein Grund zu zweifeln. Nicht für Hämmerle.

“Ich habe gewusst, ich bin gut drauf”, sagt er. Weil er gelernt hat, genauer hinzuschauen. Nicht nur aufs Ergebnis, sondern auf die Leistung dahinter. Zeiten im Training, Gefühl auf dem Board, Details im Lauf.

Und trotzdem: Der Druck vor Olympia ist real. “Ich habe mir schon gedacht: Warum tust du dir das nochmal an?” Ein ehrlicher Satz, der zeigt, wie groß die mentale Belastung ist.

"Warum tust du dir das nochmal an?" – Hämmerle über den Druck bei Olympia
“Warum tust du dir das an?” – Dieser Satz schwirrte vor dem Olympia-Rennen in Hämmerles Kopf herum.Roland Paulitsch

Was ihm hilft, ist ein Perspektivwechsel. Weg vom Ergebnis, hin zum großen Ganzen. “Es ist ein Riesenprivileg, überhaupt dort zu stehen”, sagt er. Ein Gedanke, der den Druck nicht verschwinden lässt – aber relativiert. Nach dem verletzungsbedingten Aus von Vorarlbergs Medaillenkandidatinnen wie Eva Pinkelnig oder Katharina Liensberger stieg der Druck bei Hämmerle. “Der Olympiasieg von Ariane (Rädler) ein paar Tage vor meinem Rennen hat mir dann wieder sehr viel Druck genommen”, ergänzt der 32-Jährige.

Gehirnerschütterungen als stille Herausforderung

Beim Thema Verletzungen verfolgt Hämmerle einen etwas anderen Weg. Während über viele Verletzungen offen gesprochen wird, bleibt ein Thema oft im Hintergrund: Kopfverletzungen. Hämmerle hingegen spricht offen darüber.

Nach einer schweren Gehirnerschütterung verändert sich plötzlich alles. “Ich habe von einem Tag auf den anderen nicht mehr scharf gesehen”, erzählt er aus seiner Erfahrung.

"Warum tust du dir das nochmal an?" – Hämmerle über den Druck bei Olympia
Im Gespräch mit VOL.AT-Sportchef Simon Bitriol spricht Hämmerle offen über seine Erfahrungen mit Gehirnerschütterungen.Roland Paulitsch

Was folgt, ist ein langer Weg zurück. “Das hat zwei Jahre gebraucht”, sagt er. Zwei Jahre, in denen er lernen musste, seinen Körper neu zu verstehen.

Besonders schwierig: die Unsichtbarkeit dieser Verletzung. Kein Gips, keine klare Diagnose, die jeder sofort nachvollziehen kann. “Viele wissen gar nicht, dass das nicht normal ist”, sagt er.

Gerade deshalb spricht er darüber. Um Bewusstsein zu schaffen. Und um anderen zu zeigen: Es gibt Hilfe. Auch wenn der Weg dorthin oft kompliziert ist.

Heim-WM als nächstes Kapitel

Nach dem Olympiasieg richtet sich sein Blick nach vorne und der führt direkt ins Montafon. Heim-WM. Heimkulisse. Heimvorteil. “Das wird etwas ganz Besonderes”, sagt Hämmerle.

Die Strecke kennt er so gut wie kein anderer, das Publikum auch. Es ist ein Umfeld, das motiviert und gleichzeitig neue Erwartungen mit sich bringt. Doch diesmal will er anders herangehen.

“Mit mehr Freude und Gelassenheit”, sagt er. Weniger Druck, weniger Verkrampfung. Ein Ansatz, der zuletzt gut funktioniert hat. Gerade nach Olympia, als der ganz große Druck plötzlich weg war.

"Warum tust du dir das nochmal an?" – Hämmerle über den Druck bei Olympia
Fünfmal konnte Hämmerle im Montafon bereits gewinnen, nächstes Jahr bei der Heim-WM will er nochmals ganz oben stehen. ©APA

Blick über die Karriere hinaus

Mit 32 Jahren rückt auch eine andere Frage näher: Was kommt danach?

Hämmerle lässt bewusst offen, wie lange er noch fährt. “Ich schaue von Saison zu Saison.” Kein fixes Datum, kein klarer Schlussstrich. Stattdessen ein Gefühl, das entscheiden wird. Dass die WM aber eines der letzten großen Highlights sein wird, ist ihm bewusst.

Parallel dazu beginnt er, sich breiter aufzustellen. Auch über Social Media. Dort zeigt er Trainings, Rennen, Einblicke in seinen Alltag. Authentisch, ohne große Inszenierung. Ganz wohl fühlt er sich damit nicht immer. “Ich bin nicht der größte Fan davon”, sagt er offen.

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Mehr als nur eine Medaille

Am Ende ist dieser zweite Olympiasieg mehr als ein sportlicher Erfolg. Er erzählt von einem Athleten, der gelernt hat, mit Druck umzugehen. Der Rückschläge verarbeitet hat. Der offen über schwierige Themen spricht, statt sie zu verstecken.

(VOL.AT)