“Kein Kind entscheidet sich freiwillig dafür, schlecht zu sein” – warum hinter Lernproblemen oft mehr steckt

Stundenlange Hausaufgaben, Angst vor der Schule und das Gefühl, “zu blöd” zu sein: Lerncoach Julia Lampert erklärt, wann Eltern handeln sollten und warum hinter schulischen Problemen oft mehr steckt als fehlender Fleiß.
Darum geht’s:
- Julia Lampert bietet ganzheitliches Lerntraining als Alternative zur Nachhilfe.
- Lernschwierigkeiten sollten frühzeitig erkannt und behandelt werden.
- VN-Sozialaktion “Ma hilft” unterstützt “Rettet das Kind”.
Rankweil Wenn Kinder stundenlang über den Hausaufgaben sitzen, Buchstaben verdrehen oder schon vor dem nächsten Schultag Bauchweh bekommen, steckt dahinter nicht immer mangelnder Fleiß. “Kein Kind entscheidet sich freiwillig dafür, schlecht in der Schule zu sein”, ist Julia Lampert überzeugt. Die Rankweilerin ist Lerncoach und Lerntrainerin für Legasthenie, Dyskalkulie, Konzentration und ADHS. In ihrem Lernraum versucht sie herauszufinden, was Kinder wirklich brauchen und warum Lernen für sie zur Belastung geworden ist.

Dass sich mit der richtigen Unterstützung schnell etwas verändern kann, zeigt Amina (10), die seit zwei Monaten zu Lampert kommt. “Man merkt, dass die Motivation für den Deutschunterricht wieder mehr da ist”, erzählt ihr Vater René. Amina selbst gefällt besonders, dass das Lernen bei Lampert anders abläuft: “Am Schluss machen wir immer Spiele”, erzählt sie.

Warnsignale
Julia Lampert kennt solche Situationen nicht nur aus ihrer Arbeit, sondern auch als zweifache Mutter. Eines ihrer Kinder hatte selbst schulische Schwierigkeiten. “Wir haben uns jahrelang gefragt: Was ist mit diesem Kind?”, erzählt sie. Erst später wurde ein versteckter Sehfehler festgestellt. Diese Erfahrung habe sie geprägt. Sie habe damals gemerkt, dass es zwar Nachhilfe gebe, aber kaum jemanden, der das Kind ganzheitlich anschaue.

Heute kommen Kinder und Jugendliche aus dem ganzen Land zu ihr, knapp 20 begleitet Lampert derzeit regelmäßig. “Was ich mache, hat mit klassischer Nachhilfe wenig zu tun”, erklärt sie. In der Nachhilfe gehe es meist um den aktuellen Schulstoff. Im Lerntraining müsse man oft viel früher ansetzen. “Ich habe Viertklässler, mit denen ich Stoff aus der zweiten Klasse Volksschule mache, weil die Malreihen oder der Zahlenraum 100 nicht sitzen.”

Wann Eltern Hilfe suchen sollten? Julia Lampert nennt klare Warnsignale: “Wenn die schulische Situation über längere Zeit das Familienleben belastet, wenn es nur noch Streit ums Lernen gibt, wenn ein Kind sagt: ‚Ich kann das nicht, ich bin zu blöd dafür‘, dann sollte man etwas tun.” Je länger man warte, desto schwieriger werde es. Bei einer Lese-Rechtschreib- bzw. Rechenschwäche gehe es nicht darum, dass Kinder zu wenig üben. “Wenn man übt und übt und es funktioniert einmal und dann wieder nicht, ist das ein Zeichen, dass etwas nicht automatisiert ist”, sagt Lampert.

Auch ADHS spiele eine Rolle, allerdings warnt Lampert vor vorschnellen Zuschreibungen. Von ADHS könne man erst nach einer ärztlichen Diagnose sprechen. In ihrer Arbeit beobachtet sie aber häufig, dass Kinder mit ADHS zusätzlich eine Legasthenie oder Dyskalkulie mitbringen. “Wenn ich mich in der Schule nicht konzentrieren kann, nehme ich vieles nicht auf.”
Gesellschaftlicher Druck
Ein großes Thema sei auch der Druck. “Wenn ein Kind in der Schule ständig negative Erfahrungen macht, macht das etwas mit der kindlichen Psyche”, sagt Lampert. Oft komme zu Hause noch zusätzlicher Druck dazu. “Dabei sollte Zuhause der sichere Hafen sein.” Ihr Wunsch an Schule und Gesellschaft: weniger Stempel, mehr Fragen. “Dass man nicht gleich sagt: Das Kind ist faul. Sondern fragt: Warum tut es sich so schwer? Und den Ursachen auf den Grund geht.”

Doch nicht jede Familie kann sich solche Unterstützung leisten. Eine Stunde kostet 70 Euro. Deshalb arbeitet Lampert auch mit “Rettet das Kind” zusammen. Über den Verein können Familien unterstützt werden, die sich Lerntraining sonst nicht leisten könnten. Genau hier setzt die VN-Sozialaktion “Ma hilft” an: Spenden kommen Kindern zugute, die professionelle Hilfe brauchen. Damit Lernschwierigkeiten nicht über Bildungswege entscheiden.
Ma hilft: Spendenkonto
Spendenkonto bei der Hypo Vorarlberg Bank AG:
IBAN: AT58 5800 0132 7677 4012
BIC: HYPVAT2BXXX