“Pferde reagieren nicht auf Worte, sondern auf das, was Menschen ausstrahlen”

In der Propstei St. Gerold werden Pferde zu stillen Begleitern für Menschen in schwierigen Lebensphasen.
Darum geht’s:
- Tiergestützte Intervention mit Pferden. Pferde begegnen Menschen ohne Worte und Vorurteile.
- Tiergestützte Therapie fördert Selbstwahrnehmung und emotionale Entlastung.
- Die Propstei bietet einen Rückzugsort für Menschen in schwierigen Phasen.
St. Gerold Zwischen Kräutergarten und alten Mauern liegt eine besondere Ruhe über der Propstei St. Gerold. Hinter der Herberge stehen sieben Pferde im offenen Stall, zwei werden gerade auf die Weide geführt. “Pferde spüren sofort, wie es einem geht”, sagt Eva-Maria Türtscher und streicht der Stute Indigo über den Hals. “Sie reagieren nicht auf Worte, sondern auf das, was wir ausstrahlen.” Darin liege die besondere Kraft der tiergestützten Arbeit. Seit 16 Jahren begleitet sie als Therapeutin für pferdegestützte Therapie und psychosoziale Beraterin Menschen, die hierherkommen.

Die im Jahr 960 gegründete Propstei im Großen Walsertal versteht sich seit jeher als Ort der offenen Türen. Mit der Oase der Begegnung wurde dieses Engagement weiterentwickelt. Menschen in schwierigen Lebenssituationen, etwa bei Krankheit, Trauer oder Überforderung, finden hier einen Ort zum Innehalten. Ein zentraler Bestandteil sind die Begegnungen mit den Tieren. “Die Pferde begegnen uns ohne Bewertung”, erzählt Theresia Dünser, Leiterin der “Oase”.

Im Umgang mit den Tieren geht es um Beziehung, also um das Führen, das Berühren, das Dasein. “Gerade das hilft vielen, sich wieder selbst zu spüren”, betont Dünser. In der Therapie mit den Vierbeinern finden Menschen Trost und einen neuen Zugang zu den eigenen Gefühlen.

“Wenn jemand innerlich unruhig ist, zeigt das das Pferd sofort”, erklärt Türtscher. “Und genau da kann Veränderung beginnen.” Pferde reagieren sensibel auf Körpersprache und Stimmungen. Beim Pflegen oder Führen können Spannungen nachlassen, Ruhe wird möglich.

“Hier darf man einfach sein”
Für das siebenköpfige Oase-Team in St. Gerold ist das der Kern ihrer Arbeit. “Die Menschen müssen nichts leisten. Sie dürfen hier einfach sein.” Insbesondere für jene, deren Alltag von Druck oder Sorge geprägt ist, sei das eine enorme Entlastung. Gleichzeitig seien die Tiere wertfrei in der Begegnung: “Sie nehmen uns so an, wie wir sind”, sagt Türtscher. Die Pferde leben im Herdenverband, haben viel Auslauf und werden artgerecht gehalten. “Und sie müssen auch nicht. Wenn ein Tier keine Lust hat, wird das ebenso respektiert”, betont Türtscher.


“Alle, die eine Auszeit brauchen, sind willkommen”, sagt Sozialarbeiterin Dünser. Das Angebot ist bewusst niederschwellig. Mit Unterstützung durch den gemeinnützigen Verein der Sozialwerke der Propstei St. Gerold können Aufenthalte je nach Situation mitfinanziert werden.


Dass diese Form der Begleitung wirkt, erlebt das Oase-Team immer wieder. “Viele Menschen kommen sehr gestresst an und gehen deutlich ruhiger wieder”, erzählt Dünser. Die Rückmeldungen seien oft eindrücklich. Eine Mutter habe gesagt, fünf Tage in der Propstei hätten ihr mehr gebracht als mehrere Wochen Reha. “Wir bekommen unglaublich viel zurück”, sind sich die beiden Frauen einig. “Man erlebt hier, wie Menschen wieder aufblühen.”

Zurück im Stall senkt eines der Pferde den Kopf, sucht die Nähe. Für einen Moment scheint alles stillzustehen. Es ist diese unmittelbare Begegnung, die den Ort zu dem macht, was er sein will: ein Platz, an dem man ankommen darf.
Oase der Begegnung in der Propstei St. Gerold
Anmeldung: Unbürokratisch unter 0664 1921815; oase@propstei-stgerold.at
Spenden sind hier möglich.
Weitere Informationen unter: www.propstei-stgerold.at
Angebote mit Pferden 2026 für Hausgäste oder Besucher
Montag, 15 Uhr, Meditation mit Pferden (Anmeldung bis 12 Uhr am selben Tag möglich).
Dienstag, 10 Uhr, Zeit mit Pferden (Anmeldung bis 9 Uhr am selben Tag möglich).
Donnerstag, 15 Uhr, Begegnung mit den Pferden (Anmeldung bis 12 Uhr am selben Tag möglich).
Anmeldung nur direkt oder telefonisch an der Pforte: 05550 2121 von acht bis 17.30 Uhr.