“Sitzen sonst 20 Stunden in der Zelle”: Warum junge Häftlinge in Feldkirch zur Spraydose greifen

Im Hof der Justizanstalt Feldkirch entsteht derzeit etwas Buntes. Und für die beteiligten jungen Häftlinge womöglich auch etwas Neues: das Gefühl, gemeinsam etwas schaffen zu können.
Darum geht’s:
- Junge Häftlinge sprayen Graffiti im Gefängnishof.
- Projekt dient als kreative Beschäftigung und positive Selbsterfahrung.
- Christian Roupec leitet Graffiti-Projekt als Abschlussarbeit.
Feldkirch Das Zischen der Spraydosen hallt durch den Hof der Justizanstalt Feldkirch. Während draußen sommerliche Temperaturen herrschen, stehen drei junge Häftlinge vor einem Container und sprayen konzentriert bunte Motive auf die noch rostbraune Fläche.

Ein pinker Kaktus ist bereits zu erkennen, daneben eine Giraffe mit Taucherbrille und Schnorchel. Seit acht Uhr in der Früh wird gearbeitet, nicht einmal eine Mittagspause hat einer der Jugendlichen gemacht. “Ich war gerade voll drin und wollte dann nicht aufhören”, sagt er im Gespräch mit den VN. “Sonst sitzt man über 20 Stunden in der Zelle. Hier draußen vergeht die Zeit schneller.”


Auch Jakob* greift an diesem Tag zur Spraydose. Er hatte am Vortag seinen 21. Geburtstag und sitzt derzeit wegen Vermögens- und Körperverletzungsdelikten 15 Monate in Haft. Nach der Scheidung seiner Eltern sei er mit 14 Jahren “komplett abgestürzt”, spricht er gegenüber den VN offen darüber, wie er auf die schiefe Bahn geraten ist.
“Habe viel falsch gemacht”
Erst kamen die Depressionen, dann eine Alkohol-, später eine Medikamentensucht. “Ich habe einfach viel falsch gemacht”, sagt er mit Bedauern. In der Justizanstalt bekomme er aber Unterstützung, könne jederzeit mit der Psychologin sprechen und merke, dass es langsam wieder bergauf gehe. “Ich bin endlich weg vom Alkohol. Das ist das erste Mal seit Langem, dass ich wieder einen klaren Kopf habe.”


Jakob sitzt mittlerweile wegen guter Führung in einer offenen Abteilung und hilft auch in der Bibliothek mit. Wenn er wieder draußen ist, möchte er den Pflichtschulabschluss nachholen und eine Lehre absolvieren. Das Sprayprojekt sei für ihn mehr als nur Beschäftigung. “Man denkt hier drinnen oft, dass man eh nichts kann”, sagt er. “Und dann steht man plötzlich da und macht gemeinsam so etwas.”

Das Projekt leitet Inspektor Christian Roupec (52). Der gebürtige Tiroler arbeitet seit vier Jahren in der Justizanstalt Feldkirch und ist Quereinsteiger, zuvor leitete er ein Fahrsicherheitszentrum. Für seine Ausbildung als Beamter im Jugendvollzug plante er das Graffiti-Projekt im Jugendvollzug, das er kommende Woche als Abschlussarbeit in Wien präsentieren wird. Die Idee hatte Anstaltsleiterin Cornelia Leitner, die den Insassen etwas Spezielles ermöglichen wollte.

“Für mich zählt nicht die Vergangenheit der Jugendlichen, sondern wie sie sich hier verhalten”, sagt Roupec. Damit die jungen Häftlinge überhaupt draußen sprayen dürfen, brauche es spezielle Genehmigungen und Vertrauen. Gemeinsam mit dem Dornbirner Graffiti-Künstler Fabian Hämmerle (38) wurden Motive ausgesucht und durch die Gefangenen bearbeitet.

“Viele sagen am Anfang sofort: ‚Das kann ich nicht‘”, erzählt der Justizwachebeamte. “Aber genau darum geht es bei dem Projekt: Die Jugendlichen sollen spüren, dass sie etwas schaffen können und dass am Ende etwas Sichtbares bleibt.”

Künstler Fabian Hämmerle war sofort dabei, als er gefragt wurde. Er arbeitet sonst auch viel mit Jugendlichen zusammen, gibt unter anderem Workshops an Schulen. “Beim Sprayen muss man sehr konzentriert und genau arbeiten. Außerdem müssen sie sich in der Gruppe untereinander absprechen und koordinieren”, gibt er Einblick in das Projekt. Gerade die Teamarbeit habe ihn beeindruckt. “Die Jungs sind voll dabei gewesen.”

In der Justizanstalt Feldkirch sind derzeit 144 Insassen untergebracht. Darunter befinden sich laut Leiterin Leitner zwei Jugendliche unter 18 Jahren sowie 15 junge Erwachsene bis 21 Jahre. Jugendliche bleiben hier – je nach Delikt – meist zwischen drei und sechs Monaten in Haft.

*Der Name des Häftlings wurde von der Redaktion geändert.