“Ich dachte: Jetzt ist es aus” – So erlebten zwei Betroffene den Seilbahn-Albtraum

Ein Jahr nach dem Karren-Unfall am 23. Juni 2025 sprechen Sabrina Marent (46) und Mathias Pirschner (34) über Angst, psychische Folgen, offene Fragen und warum sie eine Woche später wieder in eine Gondel stiegen.
Dornbirn Es hätte eine Katastrophe werden können. Viele erinnern sich an die Bilder vom 23. Juni 2025, als eine Gondel der Karrenseilbahn im Unwetter stecken blieb. 19 Menschen und ein Hund hingen 150 Meter hoch über Dornbirn fest, während Regen, Hagel und Wind gegen die Kabine peitschten. Was klang wie eine Szene aus einem Katastrophenfilm, war für Sabrina Marent (46) und Mathias Pirschner (34) Wirklichkeit.

Ein Jahr später stehen die beiden mit den VN an der Karren-Talstation und erzählen von dem Ereignis, das international für Schlagzeilen sorgte. Manchmal reiche ein Geräusch, um alles zurückzuholen: das Trommeln des Regens, das Prasseln des Hagels, der Wind, der plötzlich so laut wird, dass in der Gondel kaum noch jemand spricht.
Video von der Rettung
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Stundenlang hing das Leben der Insassen sprichwörtlich am seidenen Faden. Wie geht das aus? Überleben wir das? Wenn Marent und Pirschner heute davon erzählen, ist ihnen der Schrecken noch ins Gesicht geschrieben. Für die beiden, die für das Umweltinstitut Trinkwasserproben nahmen, hatte der Tag wie Routine begonnen. Oben sah Marent die Wetterfront auf der MeteoSwiss-App kommen. Sie entschieden sich, rasch die Talfahrt anzutreten.

Kurz darauf stand die Gondel: Eine Böe erfasste sie. Draußen war es nur noch weiß, Hagel schlug gegen die Scheiben, das Seil vibrierte, der Lärm wurde stärker, erinnern sich die beiden: “In dem Moment dachte ich: Jetzt ist es aus”, sagt Marent. Später stellte sich heraus, dass ein Phänomen namens Downburst, also eine Fallböe, für den Vorfall verantwortlich war.


Auch Pirschner erinnert sich an diesen Augenblick. “Es war fast schon ein friedlicher Moment, weil ich dachte: Jetzt warte ich nur noch, bis wir aufschlagen.” Erst später wurde klar, dass die Gondel aus den Seilen gehoben wurde und nun an den miteinander verhedderten Zug- und Tragseilen hing. Damit war eine Rettung mit der Hilfsgondel also nicht möglich.

In der Kabine saßen Jugendliche, ältere Paare, einige davon am Boden, manche probierten, sich festzuhalten. Anfangs hätten manche die Situation noch “cool” gefunden, erinnert sich Marent. Dann kippte die Stimmung. Eine Frau geriet in Panik, andere wurden still. Marent und Pirschner – beide ehrenamtlich bei der Feuerwehr – versuchten zu beruhigen.

“Panik ist nie gut und nutzt nichts”, sagt Marent. Pirschner telefonierte mit dem Betriebsleiter, später mit Einsatzkräften. “Wir mussten warten”, sagt der gebürtige Tiroler. “Und irgendwann beginnt genau das, an den Nerven zu zehren.” Beide suchten kurz Kontakt nach Hause: Marent telefonierte mit ihrem Mann, Pirschner schrieb seiner Familie: “Ich hab euch lieb.”

Therapie und Verarbeitung
Als klar war, dass sie von der Bergrettung, die mittels Helikopter auf der Gondel abgesetzt wurde, abgeseilt werden, kam Erleichterung. Jeder wurde einzeln die 150 Meter hinab gerettet; für die Bergretter finden beide lobende Worte. Danach führte der Weg ins Tal über steiles Gelände, wo unter anderem auch Seelsorger Bischof Benno Elbs und Dornbirns Bürgermeister Markus Fäßler die Betroffenen empfingen. Erst in den Nachtstunden waren alle wieder auf sicherem Boden.

Der Schock kam später. Beide nahmen psychologische Hilfe an: “Ein paar Sitzungen waren schon sehr gut, um das Erlebte zu verarbeiten.” Wie sehr ihn der Vorfall aus der Spur brachte, merkte er erst später im Alltag, zum Beispiel daheim auf der Terrasse: Selbst die Tomaten, um die er sich sonst kümmerte, waren plötzlich vergessen. “Ich fühlte einfach eine Leere.” Bei Schlagwetter kommt bis heute ein mulmiges Gefühl hoch. Marent merkte, wie viel Kraft der Tag gekostet hatte. “Mir hat es anfangs extrem Energie gezogen. Wie bei einem Akku, der bis Mittag schon leer ist”, beschreibt die Harderin das Gefühl.
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Wetterwarnungen ernst nehmen
Eine Woche nach dem Vorfall fuhren die beiden bewusst mit der Gondel auf den Pfänder. “Als ich die Karten gekauft habe, habe ich gezittert”, erinnert sich Marent. Das Vertrauen in die Technik sei nicht zerstört, aber das eigene Verantwortungsgefühl sei größer geworden. Mit ihrer Geschichte wollen die beiden auch dafür sensibilisieren, Wetterwarnungen ernst zu nehmen und das eigene Bauchgefühl nicht zu übergehen.
Offen bleibt für beide der Umgang mit Informationen nach der Beinahe-Katastrophe. Das Verfahren wurde eingestellt. Beide zeigen sich enttäuscht darüber, dass sie nicht besser über die Hintergründe und die Hergänge informiert wurden: “Ich hätte mir gewünscht, dass wir Einblick in die Gutachten bekommen”, sagt Marent.
Ein Jahr danach geht es beiden besser. Vergessen werden sie diesen Tag aber wohl nie.