Eine Woche zum Aufatmen: Wie Familien in St. Gerold neue Kraft schöpfen

Familien mit chronisch kranken Kindern verbringen derzeit eine gemeinsame Auszeit in der Propstei St. Gerold. Begegnungen mit Pferden und anderen Familien sollen ihnen helfen, den Alltag mit Krankheit und Sorgen für einen Moment hinter sich zu lassen.
St. Gerold Die Familien bilden im Vorraum der Reithalle in der Propstei St. Gerold einen Sitzkreis. Pferdewirtin Angelika Egger erklärt, worauf es bei der bevorstehenden Begegnung mit den Tieren ankommt. Die Pferde müssten nichts leisten, sagt sie. Jedes Tier habe seinen eigenen Charakter und verdiene Respekt.


Was Egger über die Pferde sagt, lässt sich auch auf die Menschen übertragen: Sie müssen hier nichts leisten. Sie dürfen ankommen, beobachten, Nähe zulassen oder sich zurückziehen. Vier der insgesamt sieben Familien, die derzeit in St. Gerold zu Gast bei den Lust-auf-Leben-Wochen sind, nehmen an der Einheit teil.


Daniela Burtscher aus Braz ist mit ihren Kindern Johann (5) und Rosa (8) dabei. Rosa hat einen seltenen Gendefekt, weltweit gibt es nur wenige vergleichbare Fälle. Bis zu hundert epileptische Anfälle erlebt das Mädchen an manchen Tagen. Die Familie muss deshalb stets darauf achten, dass ein Krankenhaus in der Nähe ist. Urlaub sei unter diesen Bedingungen schwierig, erzählt die alleinerziehende Mutter. “Wir verzichten auf sehr viel. In einem Hotel ist es generell sehr schwierig.”

Auch für Johann ist die Situation belastend. Als Geschwisterkind müsse er häufig zurückstecken, sagt Burtscher. Eine gemeinsame Auszeit wie diese sei deshalb besonders wertvoll – ohne die üblichen Sorgen und organisatorischen Hürden.

Martina Heinzle ist mit ihrer Tochter Elli (8) und ihrer Pflegetochter nach St. Gerold gekommen. Elli hat ADHS. “Man ist weg vom Alltag, der Haushalt ist weg”, sagt Heinzle. Zugleich sei der Aufenthalt für die Kinder intensiv. “Unsere Kinder legen ihre Diagnose nicht ab. Aber man hat hier die Chance, sich auf sich zu fokussieren.” Auch der Austausch mit anderen Familien sei hilfreich.
Genau darum geht es beim Projekt “Lust auf Leben”, das von den Vorarlberger Landeskrankenhäusern, Husky Toni – Anton Kuttner – und über den Verein Sozialwerke der Propstei St. Gerold gefördert wird. Der Verein ist zu 100 Prozent durch Spenden finanziert.

Die chronische Erkrankung eines Kindes betreffe nie nur dieses selbst, sondern das gesamte Familiensystem, unterstreicht Theresia Dünser, Leiterin der “Oase der Begegnung” in der Propstei. Denn auch Geschwister und die Eltern selbst seien oft über Jahre stark gefordert.
Können, aber nichts müssen
Die Familien bleiben von Sonntagnachmittag bis Freitagmittag. Ein typischer Tag beginnt mit einem gemeinsamen Frühstück. Danach gibt es verschiedene freiwillige Angebote: Begegnungen mit den Pferden, tiergestützte Interventionen mit Mitarbeitenden der Oase, Meditation für Erwachsene, einen Nachmittag bei Husky Toni auf der Tschengla oder Zeit in der Natur. “Es gibt kein volles Programm. Die Familien können vieles ausprobieren, aber sie müssen nichts”, erklärt Dünser. Die Hemmschwelle soll niedrig bleiben.

“Die Pferde spiegeln Stimmungen, schenken Ruhe, Vertrauen und Nähe”, beschreibt Dünser die tiergestützte Intervention mit den Pferden. Oft würden dadurch bei Menschen Spannungen gelöst sowie neue Wege zu innerer Balance und Mut eröffnet. “Mit den Tieren kommen viele Menschen ganz ins Hier und Jetzt. Für einen Moment können sie ihre Sorgen und Gedankenspiralen unterbrechen.”
Insgesamt gibt es heuer vier Familienwochen. Für das Angebot habe es mehr Anfragen gegeben, als Plätze vorhanden waren. Ziel sei es, dass jedes Familienmitglied eine gute Zeit erlebt und dass die Erfahrungen auch zu Hause noch nachwirken. “Es geht nicht darum, dass die Kinder ihre Diagnose vergessen. Aber sie sollen spüren, dass ihr Leben aus mehr besteht als aus Krankheit und Terminen”, sagt Dünser.
Lust-auf-Leben-Wochen der Propstei St. Gerold
Interessierte Familien können sich unverbindlich an die Oase der Begegnung in der Propstei St. Gerold wenden.
Das Angebot richtet sich an alle Familien mit chronisch erkrankten Kindern, die sich in ärztlicher Behandlung befinden. Für Familien, die finanzielle Schwierigkeiten haben, gibt es günstige Tarife.
Anmeldung: Unbürokratisch unter 0664 1921815 oder oase@propstei-stgerold.at
Spendenkonto
Verein Sozialwerke der Propstei St. Gerold
Raiffeisenbank im Walgau
IBAN: AT25 3745 8000 0821 7440
BIC: RVVGAT2B458
Verwendungszweck: Lust auf Leben!
Angabe von Namen & Geburtsdatum erforderlich für die steuerliche Absetzbarkeit.