Eva Maria Waibel: Worauf es in unseren Schulen wirklich ankommt

Seit Jahrzehnten beschäftigt sich Eva Maria Waibel (73) mit der Frage, was Kinder stark macht. Warum es für sie vor allem auf die Lehrpersonen ankommt und welche Entwicklung ihr Sorgen bereitet.
Dornbirn Stillstand scheint für Eva Maria Waibel keine Option zu sein. Die Dornbirnerin hat in ihrem Berufsleben vieles gemacht: Sie war Lehrerin, Landesrätin und in der Lehrerbildung tätig. Bis heute treibt sie die Frage um, wie Kinder und Jugendliche bestmöglich begleitet werden können. Ein Ergebnis ihres Engagements ist der Masterlehrgang “Existenzielles Arbeiten im Bildungs- und Beratungskontext”, den sie maßgeblich initiiert hat. Vor einem Jahr startete die dreijährige Ausbildung an der Pädagogischen Hochschule Vorarlberg.

“Ich ziehe eine positive Bilanz”, sagt Waibel über das erste Studienjahr. 33 Teilnehmer sind dabei, darunter neun Direktorinnen und Direktoren. Die Studierenden hätten nicht nur neue pädagogische Zugänge kennengelernt, sondern sich auch persönlich weiterentwickelt. Besonders beeindruckt ist sie von deren Kreativität und Engagement.
Sicherheit und Vertrauen
Doch was steckt hinter der Existenziellen Pädagogik? “Es ist eine Beschäftigung mit den Lebensthemen des Menschen”, erklärt Waibel. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Kinder ihren eigenen Weg finden und dabei gestärkt werden können. Ein wesentliches Bedürfnis sei Sicherheit. Kinder bräuchten klare Strukturen, Verlässlichkeit und das Gefühl, angenommen zu werden. Im Schulalltag könne das schon damit beginnen, dass sie wissen, welche Lernziele gelten oder wann eine Schularbeit stattfindet.

Dabei geht es nicht nur um die Kinder. Auch die Lehrpersonen spielen eine wichtige Rolle: “Ich kann eigentlich nur Halt weitergeben, wenn ich selber das Gefühl habe, ich bin gehalten”, sagt Waibel.

Wie sich dieser Ansatz im Alltag umsetzen lässt, zeigt sich etwa beim Umgang mit Fehlverhalten. Statt ein Kind vorschnell zu bestrafen, sollte zunächst nach den Hintergründen gefragt und anschließend gemeinsam eine Lösung gesucht werden. “Was hast du für eine Idee, wie kannst du das jetzt wiedergutmachen?”, sei eine mögliche Frage. Das bedeute keineswegs, alles durchgehen zu lassen.
Besser als sein Ruf
Das österreichische Bildungssystem sieht die 73-Jährige trotz aller Herausforderungen nicht grundsätzlich negativ. Im Gegenteil: “Ich glaube sogar, dass unser Bildungssystem sehr viel besser ist, als es in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird.” Besonders die Vielfalt der Bildungswege und das berufsbildende Schulwesen zählt sie zu den Stärken. Verbesserungsbedarf sieht sie dennoch. Zu oft werde darauf vertraut, dass neue Strukturen oder neue Unterrichtsmethoden Probleme lösen könnten. “Die Methode lebt von der Person”, betont Waibel. Entscheidend seien die Lehrpersonen, die vor der Klasse stehen.
Eine weitere Herausforderung sieht sie in der Künstlichen Intelligenz. “Eine große Gefahr besteht darin, dass wir unsere Kompetenzen verlieren.” Wenn Programme zunehmend fertige Lösungen liefern, könnten grundlegende Fertigkeiten verloren gehen. Umso wichtiger sei es, einen verantwortungsvollen Umgang mit KI zu vermitteln.

Engagement über Jahrzehnte
Dass Waibel gerne gestaltet, zeigte sich schon früh. 25 Jahre engagierte sie sich ehrenamtlich beim Jugendrotkreuz. Besonders am Herzen liegt ihr das von ihr mitentwickelte Helfi-Programm, das Volksschulkindern Erste Hilfe vermittelt. Später wirkte sie an der Entwicklung der Existenziellen Pädagogik mit und gründete 2019 gemeinsam mit Mitstreiterinnen und Mitstreitern das gleichnamige Institut.

Ihr Engagement reicht über den Masterlehrgang hinaus. Beim Projekt Unterrichtscoaching geben erfahrene Lehrpersonen ihr Wissen ehrenamtlich an Kolleginnen und Kollegen weiter. Viele von ihnen sind bereits im Ruhestand. Damit bleibt Waibel einem Grundgedanken treu, der ihre berufliche Laufbahn seit Jahrzehnten prägt: Menschen stärken und ihnen neue Möglichkeiten eröffnen.
Zur Person: Eva Maria Waibel
Eva Maria Waibel ist Vorsitzende des Instituts für Existenzielle Pädagogik.
Laufbahn: Volks- und Mittelschullehrerin, Studium der Pädagogik und der Psychologie, Psychotherapeutin (Existenzanalyse und Logotherapie), Hochschuldozentin
Hobbys: Familie, das Institut für Existenzielle Pädagogik leiten, Menschen unterstützen, Bewegen in der Natur, Langstreckenschwimmen, Lesen, Schreiben
Alter: 73 Jahre