Kontrolle hat versagt

Umweltskandal in Kärnten: Gefährlichster Giftmüll in Milch und Gemüse in „Genussregion Görtschitztal“.
schwarzach. (MaM) Die Menschen im Kärntner Görtschitztal sollen keine Milch von heimischen Lieferanten und kein Gemüse aus dem eigenen Garten mehr konsumieren. HCB (Hexachlorbenzol) gehört zum „Dreckigen Dutzend“ – den zwölf Stoffen, die durch das Stockholmer Übereinkommen als krebserregende Mittel weltweit verboten wurden.
Diese hochgiftige Chemikalie aus industrieller Erzeugung der Donau-Chemie-Niederlassung Brückl im Kärntner Gurktal, wurde jahrzehntelang deponiert, mit weiteren anderen gefährlicher Abfällen, ehe die „Verwertung“ an das Wietersdorfer Zementwerk übergeben wurde. Diese verkaufte rund 80.000 Tonnen „Blaukalk“ nach der Verbrennung unter viel zu niedrigen Temperaturen an Landwirte als Dünger und Unkrautvernichtungsmittel.
Umweltmedizinerin alarmiert
Barbara Kohlweg, die Umweltmedizinerin des Landes Kärnten, löste den ersten HCB-Alarm bei betroffenen Görtschitztalern aus. „Wir wissen nicht, wie hoch die Belastung wirklich ist.“ Wie sich das HCB im menschlichen Körper auswirkt, ist dosisabhängig“, erklärte sie. „Im Prinzip ist es so, dass hauptsächlich die Leber betroffen wird. Wenn die Dosis steigt, kann sich das ausweiten.“ Das Gift sammle sich im Körper und führe erst mit der Zeit zu Schäden. „Es wird relativ langsam ausgeschieden. Die Halbwertszeit sind mehrere Jahre.“ Das bedeutet, dass es so lange braucht, bis die Hälfte des Gifts abgebaut ist. Sind wieder mehrere Jahre vergangen, halbiert sich die Menge des Restgifts in dieser Zeit erneut. Eine Belastung im menschlichen Organismus kann natürlich auch getestet werden.“
Greenpeace-Recherchen haben diese Woche ergeben, dass die HCL-Belastung im Brückler „Blaukalk“ seit 2004 im beim Umweltbundesamt öffentlich aufliegenden Altlastenatlas dokumentiert ist. Im Frühling 2011 haben sich die Wietersdorfer Zementwerke um einen, von der Donau Chemie AG ausgeschriebenen Auftrag zur Verwertung des in der Altlast in Brückl befindlichen Kalks beworben und diesen Auftrag im September 2011 erhalten. Aus den Greenpeace vorliegenden Ausschreibungsunterlagen geht eindeutig hervor, dass dieser Kalk hohe Gehalte an Chlorkohlenwasserstoffen, darunter auch HCB, aufweist. Doch sowohl die Zementwerke als auch die Donau Chemie Brückl schweigen bis heute.
Giftcocktail breitet sich aus
Niemand weiß nachvollziehbar, wie lange Mensch und Vieh dem schweren Gift schon ausgesetzt sind. Die Kontrollbehörden haben total versagt.
Bedenklich sind Informationen, wonach die Kärntner Agrarbehörde davon wusste. Momentan sieht es so aus, als ob die Mahd im Sommer 2013 die letzte nachweisbare Zeitmarke ist, die mit der HCB-Belastung in Verbindung gebracht werden kann. Ob es auch davor schon Verunreinigungen gab, wird wohl nicht mehr so leicht zu erheben sein. Bei einer Versammlung in der Kärntner Landesregierung sind die Bürgermeister und Amtsleiter der von der Verseuchung mit Hexachlorbenzol betroffenen Gemeinden im Görtschitztal informiert worden. Die Kärntner Landesregierung und die Fachbeamten präsentierten die bisher durchgeführten Maßnahmen. Seither sind die Politiker um Abwiegelung bemüht.
Landeshauptmann Peter Kaiser (SPÖ) betonte, es würden alle Ergebnisse publik gemacht, die als gesichert angesehen werden könnten: „Wir werden die ganze Wahrheit auf den Tisch legen, sie muss uns aber auch bekannt sein.“ Er habe „zwischen Tür und Angel“ erfahren, dass es mit dem Zementwerk der Wietersdorfer ein Problem gebe.
Vierfache Überschreitung
Vorgeschriebene Grenzwerte wurden um das Vierfache überschritten. Eine Gefährdung der Bevölkerung liege laut Landesregierung dennoch nicht vor.
Die belastete Milch und die Futtermittel – es geht um Heu und um Gras – werden vernichtet. Sollte Fleisch belastet sein, wird es nicht zum Verkauf freigegeben. Wie viele Tiere betroffen sind, wird noch erhoben.
In Kärnten werden die Bodenuntersuchungen ausgeweitet. Dabei wurden bereits in Gemeinden außerhalb des Tals, die etwa 50 Kilometer entfernt sind, höhere Konzentrationen von HCB gefunden. Aufgrund der derzeit vorliegenden Unterlagen ist davon auszugehen, dass von den bisher durchgeführten Maßnahmen nur ein Teil der verunreinigten Bereiche erfasst wird.