Gelber Staub, der tödlich wirkt

05.07.2019 • 09:06 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Uranabgereicherte Munition hinterlässt beim Einschlag Staub und Rückstände, die bei Kontakt zu schweren Erkrankungen führen. wikimedia Commons
Uranabgereicherte Munition hinterlässt beim Einschlag Staub und Rückstände, die bei Kontakt zu schweren Erkrankungen führen. wikimedia Commons

Trotz Klimaschutzalarm wird DU-Munition weiter verwendet.

Heidi Rinke-Jarosch

schwarzach Greta Thunbergs Friday for Future-Bewegung hat es geschafft, das Thema Klima- und Umweltschutz weltweit in den Vordergrund zu rücken. Wenig, beziehungsweise vielerorts gar keine Beachtung finden allerdings die weltweit schlimmsten Umweltverschmutzer: die Militärs. Diese erzeugen durch Kriegshandlungen, aber auch durch Militärübungen schwere Schäden im Ökosystem, die auch auf das Klima Einfluss haben. Durch Explosionen, Pulverdampf, Feuer und extrem hohen CO2-Ausstoß hinterlassen sie buchstäblich „verbrannte Erde“.

Auch der Einsatz von Uranmunition (DU-Munition – Depleted Uranium) hat verheerende Auswirkungen auf Mensch und Ökologie. Die Streitkräfte von 21 Staaten lagern solche Geschosse, die abgereichertes Uran enthalten und deshalb enorme Durchschlagskraft entwickeln. Darum wird DU-Munition zur Bekämpfung gepanzerter Fahrzeuge eingesetzt.

Trifft ein Urangeschoss sein Ziel, verbrennt das abgereicherte Uran und wird zu giftigem gelbem Staub. Wird Uranstaub eingeatmet, kann er in alle Organe gelangen und eine schwere toxische Wirkung hervorrufen. Folgen sind der Zusammenbruch des Immunsystems, schwere Organschäden, Krebs sowie Missbildungen und Fehlgeburten.

40 Tonnen DU-Munition

Jovo S. hat sie gesehen, die A-10-Thunderbolt II der US-Armee, wie sie im Tiefflug über dem bosnischen Ort Hadzici dahinfegten und Bomben abwarfen. Am 10. September 1995 detonierte eines der uranagereicherten Geschosse im Feld vor seinem Wohnhaus. Den Bombenkrater hatte die damals sechsjährige Tochter Sladjana als Spielplatz benutzt. Sie formte „Kuchen“ aus Erde und verwendete Bombensplitter als „Teller“. Etwa einen Monat später fielen ihre Finger- und Zehennägel aus, Durchfall, Dauerbrechreiz und innere Blutungen traten auf. Dann fiel Sladjana ins Koma. Im Militärspital in Belgrad wurde das Kind vom Rechtsmediziner Zoran Stankovic untersucht. Der Arzt kam zu dem Schluss, dass es sich um Kontaminierung durch radioaktives Material handelte.

In den Kriegsjahren 1994 und 1995  haben A-10-Kampfjets der US-Luftstreitkräfte in Bosnien-Herzegowina etwa 18.000 urangehärtete Geschosse auf die von den Serben kontrollierten Gebiete abgeworfen, 31.000 auf Serbien, Montenegro und den Kosovo. Im gesamten Jugoslawienkrieg wurden etwa 40 Tonnen DU-Munition verschossen.

Hunderte Tonnen Uranmunition wurden in indisch-pakistanischen Grenzkonflikten, in Afghanistan, im Zweiten Golfkrieg, im Irakkrieg und zuletzt in Syrien eingesetzt. Das US-Verteidigungsministerium hat 2017 zugegeben, in Syrien Uranmunition im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) verwendet zu haben.

Geschätzt wird, dass Uranmunition für die Erkrankung von mindestens 130.000 US-Soldaten verantwortlich ist. Hunderte sind bereits am „Balkan-Syndrom“ bzw. „Golf-Syndrom“ gestorben. Nach dem Nato-Einsatz der US-Armee im Kosovo erkrankten in Spanien, Portugal und Italien zahlreiche ehemalige KFOR-Soldaten an Blutkrebs. In Italien wurde 2016 die Regierung zur Zahlung einer Entschädigung in Höhe von zwei Millionen Euro an die Familie eines Soldaten verurteilt, der nach einer Mission in Bosnien am „Balkan-Syndrom“ erkrankt und gestorben ist.

Kriegsverbrechen

In Dokufilmen und Büchern weist der deutsche Journalist und Filmemacher Frieder Wagner auf die Gefährlichkeit von Uranmunition hin. Die Recherchen für seinen 2007 produzierten Film „Deadly Dust – Todesstaub“ und das soeben erschienene Buch „Todesstaub – Made in USA“ (Promedia) führten ihn zu verseuchten Kriegsschauplätzen, wo er gemeinsam mit dem deutschen Arzt Siegwart-Horst Günther Fakten zusammengetragen hat. Wagner bezeichnet den Einsatz von Uranmunition als Kriegsverbrechen.