Chemische Nostalgie: Was es mit Synthesegas auf sich hat

Wissen / 20.07.2019 • 14:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Mit geeigneten Katalysatoren aus Cobalt, Eisen und Nickel und höherem Druck wird aus dem Gas, je nach Prozessführung, eine bunte Palette verschiedenster Stoffe. APA

Kann man mit alten Verfahren neue Probleme lösen?

Schwarzach Die Herren hießen Franz Fischer und Hans Tropsch, beide sind seit über 70 Jahren tot. Dass sie heute wieder die Medien beherrschen, liegt an dem Verfahren, das sie entwickelt haben: die Fischer-Tropsch-Synthese. Ausgangsstoff ist das sogenannte Synthesegas; man erhält es, wenn man Wasserdampf durch glühende Kohle pumpt. Von Kohle will man heutzutage aus Klimagründen nichts mehr wissen, von glühender schon gar nicht – wieso schaffen es also die Herren Fischer und Tropsch in die Klimadebatte? Ganz einfach: Synthesegas ist eine Mischung aus Kohlenmonoxid und Wasserstoff. Mit geeigneten Katalysatoren aus Cobalt, Eisen und Nickel und höherem Druck wird aus dem Gas, je nach Prozessführung, eine bunte Palette verschiedenster Stoffe, auch künstliches Benzin und Dieselöl. Der nötige Kohlenstoff muss nun aber nicht aus der Kohle stammen – die will man ja weghaben – sondern aus Kohlendioxid, das leider immer noch aus zahlreichen Schornsteinen quillt.

An eben diesen Schornsteinen lässt es sich auffangen und an bestimmten Materialien absorbieren. Der nötige Wasserstoff stammt natürlich aus Wind- und Solarkraftwerken. Brächte das was fürs Klima? Die Fans des Verfahrens in der Industrie betonen: Der Kohlenstoff aus fossilen Quellen wirkt hier zwei Mal als Energieträger. Das erste Mal in einem normalen Kraftwerk als Strom- und Wärmespender, das zweite Mal im synthetischen Benzin. Damit wird dieselbe Menge „natürliches“ Benzin eingespart. Man wird einwenden: Hört sich kompliziert an, gewissermaßen mit der Kirche ums Dorf, warum dieser Umweg, warum nicht einfach mit Solarstrom oder Solarwasserstoff Auto fahren? Der Charme liegt in der Handhabung beim Endverbraucher. Der künstliche Kraftstoff lässt sich verwenden wie der normale. Reichweite ist kein Thema, das Tanken dauert Minuten und nicht Stunden wie beim E-Auto, und der Tank muss keine 700 Bar aushalten wie beim Wasserstoff-Fahrzeug.

Änderungen auf der Antriebsseite

Am wichtigsten sind aber die Änderungen auf der Antriebsseite: die sind nämlich nicht vorhanden. Das Zeug verbrennt im Zylinder, der Kolben wird hin und her geschleudert, der Motor macht Brumm! Brumm! – alles wie gehabt. Ein Getriebe braucht man auch, was die einschlägigen Hersteller freuen wird. Und Kohlendioxid wird auch noch eingespart! Alles paletti? Eher nein. CO2 wird eingespart, aber nicht total vermieden. Das neue Benzin wird mit demselben bescheidenen Wirkungsgrad verbrannt wie das alte. Ich fürchte, die Entwicklung ist weiter: Bei der Mobilität wird alles infrage gestellt, nicht nur der Antrieb, auch das individuelle Fahren. – Wenn sie Fischer Tropsch vor 20 Jahren aus den Firmentresoren befreit hätten – dann wäre was draus geworden. Jetzt ist es wahrscheinlich zu spät. Christian Mähr