Rudolf Öller

Kommentar

Rudolf Öller

Maximale Kapazität

Wissen / 28.09.2019 • 08:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Es gibt eine im wahrsten Sinn des Wortes menschengemachte Krise, und das ist leider ein großes Tabu: die Bevölkerungsexplosion. Mehr Menschen verbrauchen mehr Boden und Energie, weil mehr Menschen mehr Nahrung, mehr Verkehrsflächen, mehr Wohnraum und mehr Elektrogeräte bedeuten. Gelänge es, Menschen mit künstlich erzeugten Lebensmitteln zu ernähren, zu deren Herstellung nur Kohlendioxid, Wasser und Sonnenenergie notwendig wären, dann gäbe es kaum Grenzen für die Zahl der Menschen. Es gäbe Platz für hundert Milliarden. Doch das ist eine Illusion, denn zur Produktion von Nahrungsmitteln benötigt man nach wie vor Erde, und daran wird sich nicht so schnell etwas ändern.

„Wer über menschengemachte Klimapolitik redet, die Bevölkerungsbombe aber ausblendet, liegt schon daneben.“

In Deutschland gibt es 12 Millionen Hektar landwirtschaftlich genutzte Flächen bei rund 83 Millionen Einwohnern. Pro Person stehen also 1.450 m² zur Nahrungsproduktion zur Verfügung. Nur in wenigen Ländern ist der Hektarertrag so hoch wie in Deutschland. Das hat vielerlei Gründe. Global variieren die landwirtschaftlichen Flächen pro Kopf der Bevölkerung enorm. In Australien gibt es einen Überschuss an Anbauflächen, in China und Indien ist die Situation wegen der hohen Bevölkerungszahl angespannt. Das ist auch der Grund, warum China in Afrika Ackerland im großen Stil aufkauft, was zur Vertreibung von Bauern durch korrupte Politiker und Warlords führt.

9 Milliarden

Für eine Abschätzung der Maximalzahl der Menschen, die die Erde nach dem heutigen Stand der Technik ernähren kann, kann man drei Zahlen für landwirtschaftliche Flächen pro Person heranziehen: 700 m² als Existenzminimum (Äthiopien), 1.450 m² (Mitteleuropa) und 2.100 m² als globaler Mittelwert. Es gibt Analysen der UNO, dass heute ungefähr 90 Prozent der theoretisch möglichen Anbauflächen bereits erschlossen sind. Die Brandrodungen im Amazonasbecken bewirken nichts, weil der dort gewonnene landwirtschaftliche Boden nur kurzfristig nutzbar ist. Es ergibt sich eine Welt-Maximalzahl an Menschen nach Existenzminimums-Platz: 28 Milliarden, nach mitteleuropäischem Wert: 14 Milliarden und nach dem Welt-Mittelwert: 9 Milliarden. Das bedeutet, dass wir die maximale Kapazität der Welt für Menschen fast erreicht haben.

Gemüsegärtlein

Alle diese Zahlen sind Makulatur, wenn die für die Nahrungsmittelproduktion benötigten Energien (Kunstdünger, Landmaschinen, Transport, Kühlung usw.) nicht berücksichtigt werden, denn eine Rückkehr zum Gemüsegärtlein für alle ist wegen der vielen Ballungsräume nicht mehr möglich. Wer über menschengemachte Klimapolitik redet, die Bevölkerungsbombe aber ausblendet, liegt schon daneben. Vegetarische Ernährung für alle mag hilfreich sein, hat aber nur aufschiebende Wirkung.

Mag. Dr. Rudolf Öller ist Biologe und Lehrbeauftragter des Roten Kreuzes.