„Moralische Pflicht“

Wissen / 03.01.2020 • 15:40 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Es war vor einigen Wochen, als eine scheinbare Sensationsmeldung die Runde machte. Angeblich hatten 11.000 „Wissenschaftler“ ein Dokument zum Kampf gegen den Klimawandel unterschrieben. Die Liste der 11.000 enthält nicht nur einige Wissenschaftler, sondern auch Umweltaktivisten, Privatpersonen ohne Berufsangaben und andere Leute, deren Kompetenz angezweifelt werden darf. Sogar Micky Mouse und Professor Dumbledore aus den Harry Potter-Romanen haben unterschrieben.

Von 873 unterzeichnenden deutschen „Wissenschaftlern“ waren: 168 Studenten, Doktoranden oder ähnliches, 45 Mediziner, 20 Angaben ohne Wissenschafts- oder Forschungsbezug, 2 doppelte Nennungen, 1 Medizinstudentin, 637 Zoologen, Chemiker, Biologen, Physiker, Historiker und dergleichen. Keine Frage, dass alle diese Zeitgenossen unterzeichnen dürfen, aber es handelt sich eben nicht um Klimawissenschaftler.

Die oberflächliche „Studie“ der angeblichen 11.000 Fachleute enthält auch heikle Aussagen. Es werden Statistiken über menschliche Aktivitäten angeführt, die Einfluss auf das Klima haben können. Es heißt da, dass eine zunehmende Versorgung der Weltbevölkerung mit Strom und der Zuwachs an Wohlstand problematisch seien. Über diese Aussage würden sich die ungefähr 800 Millionen Hungernden und die 1 Milliarde Menschen, die keinen Strom haben, sicher freuen. Es gibt auch sonst grobe Mängel in der „Studie“. Eine Grafik zeigt, dass die Welt massiv an Wald eingebüßt habe. Im vergangenen August haben die Vereinten Nationen das genaue Gegenteil berichtet. Die Vegetation hat trotz der Abholzungen am Amazonas weltweit über die vergangenen Jahrzehnte stetig zugenommen.

Problematisch ist die Forderung an die Wissenschaften: „Wissenschaftler haben eine moralische Pflicht, die Menschheit deutlich vor jeder katastrophalen Bedrohung zu warnen und die Lage zu schildern wie sie ist“. Es gibt keine moralische Pflicht der Wissenschaftler, Politiker und Volk zu informieren. Wissenschaft ist etwas Kontroverses und kann auch Fehler produzieren, aber das ist nicht das Hauptproblem.

Als ich nach meinen Universitätsjahren in Deutschland nach Österreich zurückkehrte, informierte ich einige Politiker schriftlich über Trends in der modernen Biologie, insbesondere in der Genetik, denn die deutsche Grundlagenforschung war der österreichischen schon damals um mehr als eine Generation voraus. Das Interesse bei uns war enden wollend. Ein führender Bundespolitiker gab meinen Text an einen prominenten Journalisten weiter, der den Inhalt teilweise und ungefragt für ein Buch verarbeitete. Aufrechtes Interesse zeigte nur eine inzwischen leider verstorbene VN-Journalistin.

„Wissenschaftler haben eine moralische Pflicht, die Menschheit deutlich vor jeder katastrophalen Bedrohung zu warnen.“

Rudolf Öller

rudolf.oeller@vobs.at

Mag. Dr. Rudolf Öller ist
Biologe und Lehrbeauftragter
des Roten Kreuzes.