„Betriebe sind Innovationsträger“

Extra / 19.11.2020 • 10:38 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
„Betriebe sind Innovationsträger“

Ökologisierung in Vorarlberg mit Hausverstand, Realismus und Vernunft für „den richtigen Hebel“.

DORNBIRN Vorarlberger Unternehmen haben das „Zieldreieck“ Ökologie, Gesellschaft und Wettbewerbsfähigkeit sehr früh erkannt, was im breit angelegten Strategieprozess Dis.Kurs Zukunft definiert wurde. Wirtschaftskammerpräsident Hans Peter Metzler nennt im VN-Interview Best-Practice-Beispiele und zeigt auf, wie gemeinsam ein nachhaltiger Weg in die Zukunft eingeschlagen werden kann.

Wie sieht ein ökologisch-soziales Konjunkturpaket nach Corona aus?

METZLER Was wir brauchen, ist ein technologieoffener Zugang, der viele Dinge erst ermöglicht. Außerdem konsequente Investitionen und Unterstützungen in Sachen Energieeffizienz und Klimaschutz und eine proaktive Beteiligung und Mitarbeit vonseiten der gesamten Wirtschaft, zum Beispiel bei der Energieautonomie Vorarlberg oder in Gesetzgebungsverfahren. Die Devise lautet: Alles was hilft, ist auch zu tun. Wir dürfen nicht ausschließlich in Effizienz denken, sondern auch in Effektivität: Jede eingesparte Kilowattstunde und jedes eingesparte Kilo CO2 hilft uns hier. Es ist daher vor allem auch wichtig, dass einzelne Branchen nicht vom Thema ausgenommen werden, sondern dass wir alle gemeinsam an Innovationen arbeiten – für das große Ganze.

Welche Rahmenbedingungen muss die Politik schaffen?

METZLER Die Rahmenbedingungen müssen vielmehr als gesamteuropäisches, ja globales Thema verstanden werden: In Vorarlberg gilt es mit Hausverstand, Realismus und Vernunft zu agieren. Bitte nicht falsch verstehen, wir müssen und wollen hier durchaus ambitioniert sein. Aber mit einem rein ideologischen Zugang, in dem politische Ziele formuliert werden, aber niemand weiß, wie man dort hinkommt, ist niemandem geholfen. Das erwarte ich mir auch seitens der Bundesregierung in Richtung europäische Ebene. Wir müssen realistisch betrachten, wo wir einen Hebel haben. Als kleines Bundesland mit nur rund zwei bis drei Prozent der nationalen Emissionen – und einem Globalanteil von nur 0,006 Prozent, den man sich einmal ganz bewusst vor Augen führen muss – können wir über die alleinige Reduktion des CO2-Ausstoßes keine große Effektivität entfalten. Und genau deshalb ist der Austausch und die Erarbeitung von Zielen und Konzepten gemeinsam mit der Wirtschaft so wichtig. Vorarlberg hat viel Know-how und unzählige Betriebe im GreenTech-Bereich und kann eine führende Rolle beim Technologietransfer einnehmen. Dafür muss der Standort aber abgesichert sein. Es braucht Planungs- und Rechtssicherheit sowie Anreize für unternehmerisches Engagement. Wir dürfen uns selbst nicht die Spielräume nehmen, in denen diese Innovationen vorangetrieben werden.

Welche Zukunftsbetätigungsfelder und neue Jobs werden sich auftun?

METZLER Es gibt hier in Vorarlberg unzählige Best-Practice-Beispiele. Nehmen wir zum Beispiel BERTSCHenergy mit ihrem Biomasseheizkraftwerk und den Abhitzeanlagen. Dann gibt es pratopac, wo auf Photovoltaik und Erdwärme gesetzt wird, oder ALPLA mit dem ersten klimaneutralen Regranulat, einer absoluten Weltneuheit. Das sind Innovationsträger. Man kann einen bestimmten Bereich gar nicht hervorheben, da ja überall unglaublich viel passiert. Nachhaltige Baustoffe und Materialien, Gebäude-, Umwelt- und Energietechnik, die Etablierung regionaler Kreisläufe, die Erarbeitung wirtschaftseigener Innovationsplattformen und vieles mehr. Damit geht natürlich auch eine Vielzahl an neuen Jobs und Ausbildungsmöglichkeiten einher. Wie genau diese dann aussehen, wird sich zeigen.

Wie kann Vorarlberg Modellregion im globalen Kontext werden?

METZLER Die Vorarlberger Betriebe nehmen im Umgang mit Ressourcen und in Sachen Effizienz österreichweit eine absolute Vorreiterrolle ein. Sie haben das „Zieldreieck“ Ökologie, Gesellschaft und Wettbewerbsfähigkeit bereits sehr früh erkannt. Das ist ein Ziel, das auch im Rahmen unseres breit angelegten Strategieprozesses Dis.Kurs Zukunft definiert wurde. Wir sind hier auf einem sehr guten Weg und zeigen schon heute, dass die Kleinheit des Landes und die kurzen Wege Kooperationen vereinfachen: Sowohl bei Technologien als auch bei regionalen Kreisläufen sehe ich viel Potenzial für Vorarlberg. Auch wir selbst wollen ja mit gutem Beispiel vorangehen und sind seit heuer Ökoprofit-zertifiziert. Zudem sparen wir mit unserer Photovoltaikanlage am Dach des WIFI-Standorts in Dornbirn und der zusätzlichen Umstellung von fossilen Brennstoffen auf Fernwärme jede Menge CO2 ein.

Wie erreichen wir „Kreislaufwirtschaft“?

METZLER Wenn Vorarlberg in konkreten Umwelttechnologien und mit Leuchtturmprojekten in der Kreislaufwirtschaft eine führende Rolle einnehmen will, geht es um die Frage, wie der Kompetenzaufbau in der Breite und Spitze konsequent gefördert werden kann. Im Rahmen einer Stiftungsprofessur der illwerke vkw an der FH Vorarlberg werden die Themen Energietechnik, Energieeffizienz und erneuerbare Energieträger intensiv und gemeinsam mit den Betrieben bearbeitet. Dadurch werden nachhaltige Umwelt- und Energietechnologien auf wissenschaftlicher Ebene am Standort Vorarlberg forciert. Mit dem European Energy Manager (EUREM) wird etwa ein Hochschullehrgang auf Initiative der Vorarlberger Landesregierung in Kooperation mit den Wirtschaftskammern Vorarlberg und Österreich, illwerke vkw, dem Energie­institut Vorarlberg, der FH Vorarlberg und Schloss Hofen angeboten. Der WIFI-Kurs „Nachhaltigkeitsmanagement“ vermittelt zudem wesentliche Hintergründe, Konzepte und praktische Ansatzpunkte des Nachhaltigkeitsmanagements.

„Vorarlberger Betriebe nehmen in Sachen ­Ressourcen und ­Effizienz eine ­Vorreiterrolle ein.“

Du hast einen Tipp für die VN Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@vn.at.