Kratzen, Beißen und Treten

Wie Patienten zuweilen mit Mitarbeitern im Gesundheitswesen umgehen.
Wien. Nach Angaben der Europäischen Union sind 5 Prozent der Mitarbeiter in Gesundheitsberufen – das ist immerhin jede zwanzigste Person – der einen oder anderen Form von Gewalt ausgesetzt: Kratzen, Beißen oder Treten sind offenbar an der Tagesordnung, wenn Patienten mit Ärzten und Pflegepersonal kommunizieren, ganz zu schweigen von verbalen Attacken. Alarmierend ist auch, dass Betroffene oft meinen, Gewalt im Gesundheitswesen sei ein übliches Jobrisiko. Die Plattform Patientensicherheit hat daher das Thema der körperlichen Sicherheit von Mitarbeitern und Patienten kürzlich mit namhaften Experten diskutiert.
Emotionen
Gewalt gegen das Personal medizinischer Einrichtungen wird längst nicht mehr nur in Notaufnahmen oder im Zusammenhang mit psychiatrischen Patienten beobachtet. Denn Patienten oder Angehörige im Krankenhausumfeld sind fast immer in einer emotionalen Ausnahmesituation. „Wenn Angst, Unsicherheit oder Hilflosigkeit auf scheinbar mangelnde Fürsorge und Hilfsbereitschaft treffen, sind Missverständnisse vorprogrammiert und sie führen nicht selten zu Gewalt in Form von körperlichen oder verbalen Attacken“, sind sich die Expertinnen Dr. Maria Kletecka-Pulker, Geschäftsführerin der Plattform Patientensicherheit, und Ursula Frohner, Präsidentin des Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverbands, einig. Die angespannten Situationen in den Krankenhäusern mit Zeitdruck sowie hohe Arbeitsbelastung bieten zusätzlichen Nährboden für ein angespanntes Kommunikationsklima.
Frauen häufige Opfer
Studien weisen darauf hin, dass Alkohol und Drogen die Aggressionsbereitschaft begünstigen, Gewalt eher von Männern ausgeht und Frauen häufig Opfer werden. „Eine Umfrage bei Mitarbeitern in Notaufnahmen zeigt, dass 58 Prozent der Befragten bereits Erfahrung mit verbaler Bedrohung haben, 24 Prozent mit Schlägen und 2 Prozent mit Stich- und Schusswaffen. Immerhin fühlt sich etwa ein Drittel des Personals auf diese Situation nur schlecht vorbereitet, und 8 Prozent wurden nach einem Gewaltereignis auch nicht ausreichend vonseiten des Arbeitgebers unterstützt“, erklärt Prof. Dr. Peter Gausmann, Geschäftsführer der Gesellschaft für Risikoberatung.
Auch im Rettungsdienst sind Mitarbeiter überzeugt, dass verbale Gewalt und gewalttätige Übergriffe zum Jobprofil gehören. Meldungen an den Arbeitgeber oder gar Anzeigen werden meist unterlassen, weil die Betroffenen diesen Ereignissen keine Bedeutung beimessen oder nicht ausreichend über die Meldemöglichkeiten informiert sind. „Aufklärungs- und Handlungsbedarf sind dringend“, meint Kletecka-Pulker dazu.
Erste Sofortmaßnahmen
Neben einer Checkliste, die zum Download auf www.plattformpatientensicherheit.at oder als Einsteckkarte zur Verfügung stehen wird, wurde auch ein Folder zur „Kommunikation nach einem Zwischenfall“ erstellt. Hier wird anschaulich und mit Beispielen aus der Praxis erklärt, wie Missverständnisse und eine Eskalation von unerwünschten Ereignissen vermieden werden können. Damit soll Mitarbeitern im Gesundheitswesen Mut gemacht werden, Missgeschicke offen einzugestehen und Verbesserungen zu ermöglichen. Zudem wird sich die Plattform Patientensicherheit weiterhin aktiv für mehr Bewusstseinsbildung zu diesem Thema einsetzen: „Wir wollen die Gesundheitseinrichtungen bei der Umsetzung von personalbezogenen, organisatorischen und patientenbezogenen Maßnahmen aktiv unterstützen und fordern dringend ein Gesamtkonzept“, betont die Geschäftsführerin der Plattform. Damit die Handlungssicherheit bei der Ausübung der medizinischen und pflegerischen Tätigkeiten wieder gegeben ist, gehört auch die Öffentlichkeit sensibilisiert.