Depressionen sind kein Grund für Traurigkeit

Gesund / 28.11.2014 • 10:22 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Bettina Grager informierte umfassend.  Foto: Fleisch
Bettina Grager informierte umfassend. Foto: Fleisch

Bei entsprechender Behandlung werden die meisten Betroffenen wieder gesund.

Rankweil. (VN-mm) Psychische Erkrankungen, vor allem Depressionen, sind für viele Menschen immer noch ein Schreckgespenst. Die Angst vor Ausgrenzung und Stigmatisierung ist groß. Dazu kommt, dass zwar jeder zehnte Patient wegen depressiver Symptome zum Hausarzt geht, diese bei der Hälfte der Betroffenen aber nicht erkannt werden und deshalb unbehandelt bleiben. Nicht wesentlich besser sieht die Situation bei jenen mit Diagnose aus. Lediglich 15 Prozent dieser Patienten erhalten Antidepressiva und gar nur 10 Prozent das richtige Medikament in der richtigen Dosierung.

Plötzlich oder schleichend

Mit diesen dramatischen Fakten eröffnete Dr. Bettina Grager ihren Vortrag im LKH Rankweil zum „Jahr des Gehirns“. Gleichzeitig konnte die Fachärztin für Psychiatrie den zahlreichen Besuchern mitteilen, dass zwei Drittel der depressiven Patienten wieder ganz gesund werden. Ein Drittel behält zwar Symptome zurück. Bei entsprechender Behandlung lässt sich das Risiko für ein neuerliches Auftreten von Depressionen deutlich reduzieren.

Depressionen zählen inzwischen zu den Volkskrankheiten. Laut Bettina Grager leiden 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal im Leben an einer Depression. „Diese kann plötzlich auftreten oder sich schleichend entwickeln“, erklärte sie. Das erste Auftreten dauert meist 6 bis 12 Monate. Danach kann eine mehrjährige Ruhephase folgen. Bleibt die Depression unbehandelt, kommt es zum nächsten Ausbruch, wobei die Krankheitsphasen immer schneller aufeinanderfolgen. Die Depression verstärkt sich.

Stress killt Nervenzellen

Die Symptome sind laut Grager psychischer, psychomotorischer und somatischer Natur. Und: „Es gibt nicht nur einen Grund für eine Depression, sie hat mehrere Ursachen“, ergänzte die Psychiaterin. Dem entsprechend wird nach dem Biopsychosozialen Modell, das alle vorgenannten Bereiche umfasst, behandelt. Das Organ, welches bei einer Depression erkrankt, ist das Gehirn, das einen Teil des zentralen Nervensystems darstellt. Millionen von Nervenzellen kommunizieren über Botenstoffe. Die bekanntesten sind Serotonin, Dopamin, Noradrenalin und Glutamat. Kommt es zu einer Unterversorgung, kann sich eine Depression entwickeln. Auch chronischer Stress trägt zum Untergang von Synapsen und Nervenzellen bei, weil er Veränderungen an der DNS bewirkt.

Anzeichen einer Depression sind gedrückte Stimmung, Freudlosigkeit, Neigung zum Grübeln, Gereiztheit, Todesgedanken, Antriebslosigkeit, rastlose Unruhe, Nervosität, Albträume oder körperliche Beschwerden wie Blässe, Lichtempfindlichkeit, Kopf-, Nacken- und Bauchschmerzen, Müdigkeit und Schwindel, um nur einige zu nennen. Bei der Diagnose geht es darum, organische Ursachen auszuschließen. „Ein Schlaganfall, Hirntumor oder eine Hirnverletzung kann auch eine Depression auslösen“, nannte Bettina Grager die Gründe für eine umfassende Anamnese. Gleiches gilt für Medikamente, zum Beispiel Hormonpräparate, Blutdrucksenker und Neuroleptika. Sie zeitigen als Nebenwirkung ebenfalls depressive Verstimmungen, ebenso Alkohol und Drogen.

Lebensumstände

Ob jemand eine Depression erleidet, hängt jedoch auch von seiner Belastbarkeit und den Lebensumständen ab. Grager sprach in diesem Zusammenhang von einem individuellen Risiko, das jeder trägt. Was die Behandlung betrifft, liegt es in der Kunst des Arztes, das richtige Medikament zu finden. Bei einer medikamentösen Therapie wird der Mangel an Botenstoffen ausgeglichen. Bei saisonaler Depression hilft vorbeugend eine Lichttherapie. Die laut Fachärztin zu Unrecht in Verruf geratenen Stimulationstherapien bringen ebenfalls gute Erfolge. Weiters stehen Psychotherapie und Soziotherapie zur Verfügung. Bei Letzterer werden auch die sozialen Umstände des Patienten berücksichtigt. Er erhält beispielsweise Hilfestellung bei der Bewältigung des Alltags und lernt, mit akuten Verschlechterungen der Psyche umzugehen.