Krabbeln ist kein Kinderspiel

Gesund / 03.02.2017 • 09:09 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Das Krabbeln für Erwachsene ist eine herausfordernde Angelegenheit. Foto: hongwei tang
Das Krabbeln für Erwachsene ist eine herausfordernde Angelegenheit. Foto: hongwei tang

Ein neuer Fitnesstrend erobert Österreich. So ein Workout ist aber anstrengend.

Linz. (VN-mm) Er krabbelt, sie krabbelt, es krabbelt. Bei Johannes Randolf (49) krabbelt die ganze Familie. Sogar die sechsjährige Tochter macht schon mit, wenn es auf alle viere geht. Krabbeln wie ein Baby gilt als der große Fitnesstrend, weil es gleichzeitig Körper und Gehirn trainiert. In den USA und China boomt „Crawling“ bereits. In Österreich will ihm Johannes Randolf zum Durchbruch verhelfen. Sein Buch „Krabble!“ ist ab heute erhältlich und der Titel als bewusste Aufforderung zu mehr Bewegung formuliert. Denn: „Krabbeln ist etwas Ursprüngliches“, betont der Autor, Tänzer und Physiotherapeut. Das von ihm entwickelte Krabbel-Workout nimmt gerade einmal zwanzig Minuten täglich in Anspruch, soll aber durchschlagende Wirkung zeigen. Die Übungen gibt es für Anfänger und Fortgeschrittene.

Dem Tanz entsprungen

Johannes Randolf lehrt Tanz an der Anton-Bruckner-Universität in Linz und leitet dort auch eine physiotherapeutische Praxis. Seit Langem schon befasst er sich mit Problemen, die durch zu viel Sitzen und Stehen oder durch einseitiges Training in Fitnesscentern entstehen. „Früher kamen die Leute zur Physiotherapie, weil sie den Körper überstrapazierten, heute ist es der Bewegungsmangel“, weiß Randolf. Die Idee zum Krabbeln als Fitnesstraining entsprang jedoch dem zeitgenössischen Tanz. „Auch dort gibt es viele Kombinationen, die am Boden ausgeführt werden“, erzählt Johannes Randolf. Ebenso enthalten sind Elemente aus dem Breakdance. Angespornt, ein Buch daraus zu machen, hat ihn dann sein Verleger. Bevor er das Ganze aber in die Tat umsetzte, probierte er die Übungen mit seinen Tanzstudenten aus.

Keine isolierten Bewegungen

„Anfangs haben mich alle belächelt“, gibt er zu. Doch schon nach fünf Minuten Krabbel-Workout für Fortgeschrittene wurden sie eines Besseren belehrt. „Das Krabbeln wird total unterschätzt“, merkt Johannes Randolf mit einem Schmunzeln an. Für Erwachsene ist Krabbeln nämlich kein Kinderspiel. Was Babys auf die Sprünge hilft, müssen die Großen wieder lernen. Und das fordert den Körper ebenso wie das Gehirn. Denn eine Besonderheit des Krabbelns ist die Dreidimensionalität der Übungen. „Das heißt, es geht nie um isolierte Bewegungen, sondern um das Trainieren ganzer Muskelketten und damit das Zusammenspiel einzelner Muskeln“, erklärt Randolf. Die natürlichen Abläufe beim Krabbeln stärken zudem Muskeln, von denen die meisten Menschen gar nichts wissen, und der ständige Links-Rechts-Wechsel stimuliert das Gehirn, was unter anderem Demenz und Alzheimer vorbeugen soll.

Johannes Randolf hofft, dass es seine Krabbel-Philosophie in die Breite schafft. Nicht nur, weil es gesund ist. „Es macht auch Spaß“, versichert er. Ein Problem sei nämlich, dass sich viele Leute zwar gerne bewegen würden, aber nicht wissen, was Spaß mache. Und ohne Spaß ist bekanntlich jede körperliche Aktivität schnell zum Scheitern verurteilt.

Zehn Wirkungen

Damit das nicht passiert, nennt er in seinem Buch zehn Wirkungen des Krabbelns:

Kräftigung von Muskeln und Muskelketten: Jede natürliche menschliche Bewegung, selbst eine so einfache wie Händeschütteln, ist dreidimensional und belastet nicht einzelne Muskeln, sondern ganze Muskelketten. Das Krabbeln wird damit den natürlichen Bewegungsabläufen gerecht, anders als herkömmliches Fitnesstraining, das einzelne Muskeln repetitiv belastet. Dabei stellt das Krabbeln einen Ausgleich zwischen der linken und der rechten Körperhälfte her.

Kräftigung der Diagonalen: Ein kräftiger Körper und ein starker und stabiler Rücken entstehen vor allem durch das Training der vorderen und hinteren diagonalen Muskelketten zwischen der linken Schulter und dem rechten Bein und umgekehrt. Das Krabbeln stärkt die Kreuzungspunkte der Diagonalen im Körperschwerpunkt, dem Rumpf, was Rückenbeschwerden und Bandscheibenprobleme verhindert oder heilt.

Kräftigung des gesamten Oberkörpers: Durch den aufrechten Gang sind vor allem unsere Beine belastet und der Oberkörper kommt zu kurz. Das Krabbeln beansprucht beides.

Kräftigung der Beine: Vor allem die Übungen für Fortgeschrittene, bei denen Krabbler die Knie vom Boden abheben, machen auch die Beine stark.

Kräftigung des Halses: Wer richtig krabbelt, hält den Kopf automatisch in der richtigen Position und stärkt dabei wie in keinem anderen Training die Hals- und Nackenmuskulatur.

Kräftigung der intrinsischen Muskulatur: Die intrinsischen Muskeln liegen unter den bekannten sichtbaren Muskeln und sind dafür zuständig, die Gelenke richtig in den Pfannen zu führen. Je besser diese Muskeln trainiert sind, desto geschmeidiger sind unsere Bewegungen und desto gesünder bleiben die Gelenke.

Die Mobilisierung der Wirbelsäule: In der Waagrechten, beim Krabbeln, ist der Druck von den Wirbeln und den Bandscheiben weg und die Wirbelsäule befindet sich mit ihrer Krümmung in der von der Anatomie vorgesehenen Position.

Verbesserung der allgemeinen Beweglichkeit: Durch zu viel Sitzen entsteht eine sogenannte Beckenverkippung, die Probleme mit den Hüften, der Lenden- und Halswirbelsäule sowie mit den Schultern zur Folge haben kann. Beim Krabbeln befindet sich das Becken automatisch in der anatomisch richtigen Position.

Verbesserung der Koordination: Das Krabbeln verbessert die Koordination, indem es die linke und die rechte Körperhälfte besser miteinander verbindet.

Training des Gehirns: Bei Babys hat das Krabbeln entscheidende Rückwirkungen auf das Gehirn. So hilft es ihnen, bestimmte neurologische Reflexe in automatische Bewegungsabläufe zu verwandeln. Die medizinische Forschung hat nachgewiesen, dass Krabbeln auch Impulse an das Gehirn von Erwachsenen sendet.

Randolf betont aber, dass auch Krabbeln gelernt sein will und Aufwärmen ein unabdingbares Muss darstellt. Und: „Krabbeln darf keine Schmerzen verursachen oder bestehende Schmerzen verstärken.“ Dafür kann es in jedem Raum ausgeführt werden und erfordert kaum Ausrüstung.

Johannes Randolf: Krabble!, edition a, durchgehend illustriert, 184 Seiten, Preis: 19,95 Euro