„Genieße das, was ich kann“

Gesund / 07.07.2017 • 08:43 Uhr
Ulrike und Richard Thurnher führen ein beschauliches Leben, setzen sich aber auch für Schlaganfallbetroffene ein.Foto: vn/mm
Ulrike und Richard Thurnher führen ein beschauliches Leben, setzen sich aber auch für Schlaganfallbetroffene ein.Foto: vn/mm

Fünf Schlaganfälle haben das Leben von Richard Thurnher gründlich verändert.

dornbirn. (VN-mm) Golfen, Biken, Skifahren: Richard Thurnher (61) war zeit seines Lebens ein sportlicher Mensch. Heute ist ihm wichtig, dass jeder Tag ein schöner wird und es ihm morgen nicht schlechter geht als gestern. Denn gleich fünf Schlaganfälle innert kurzer Zeit haben sein Leben und das seiner Familie komplett auf den Kopf gestellt, haben Pläne einfach zunichte gemacht. Dennoch blickt der Dornbirner mutig nach vorne. „Mir geht es gut. Ich genieße, was ich kann“, sagt er mit einem dankbaren Lächeln und sieht dabei seine Frau Ulrike an. Dass sie immer zu Hause war, als es passierte, wertet Richard Thurnher im Nachhinein als sein großes Glück. Auch, weil Ulrike schnell reagierte. „Zeit ist das Um und Auf bei einem Schlaganfall“, bekräftigt sie.

Ein scheußliches Sakko

Richard Thurnher bezeichnet sich selbst als Kämpfer. Schon im Bauch der Mutter ging es für ihn ums Überleben, da sich sein Zwillingsbruder als der Stärkere erwies. „Bei der Geburt sah ich aus wie ein vertrockneter Landjäger“, hat er noch die Worte seines Vaters im Ohr. Aber Richard ging seinen Weg, heiratete, gründete eine Familie und arbeitete bei einer Sportkette als stellvertretender Filialleiter. Nichts deutete auf gesundheitliches Ungemach hin. Bis zum 8. August 2003 war seine Welt in Ordnung. Dann geriet sie aus den Fugen. „Zuerst beanstandete ich bei einem Fernsehmoderator das scheußliche Sakko, obwohl er gar keines anhatte, und dann suchte ich im Gefrierschrank nach einer Gabel für ein Joghurt“, erzählt Richard Thurnher, damals gerade erst 47. Ihm erschien sein Verhalten ganz normal, seiner Frau jedoch nicht. Also packte sie ihren Mann ins Auto und brachte ihn ins Krankenhaus. Diagnose: Schlaganfall.

Es sollte noch schlimmer kommen. Den nächsten Schlaganfall erlitt Thurnher 2004, gleich dreimal schlug das Schicksal 2005 zu. Der Schlaganfall mit den schwersten Auswirkungen erwischte ihn im Krankenhaus Dornbirn. „Genau an dem Tag, an dem ich entlassen werden sollte“, ergänzt Richard Thurnher. Stattdessen wachte er auf der Intensivstation im LKH Rankweil wieder auf. Er konnte nicht mehr sprechen, nicht mehr schlucken, war linksseitig gelähmt. „Ich brauchte für alles Hilfe.“ Ulrike organisierte sofort alle möglichen Therapien, die ihm sehr geholfen haben. Die harte Arbeit lohnte sich. „Ich wollte wieder laufen, reden, eigenständig werden.“ Mit kleinen Zielen schaffte es Richard Thurnher.

Mangel an Bewusstsein

Geholfen, die schwierige Situation zu verkraften, haben ihm vor allem die Familie und Freunde. Auch die von Kurt Gerszi gegründete Selbsthilfegruppe „Net lugg lo!“ wurde ihm eine wichtige Stütze. Inzwischen leitet Richard Thurnher eine Gruppe in Lustenau, die sich einmal monatlich zum Gedankenaustausch trifft.

Was er bedauert ist der in weiten Teilen der Bevölkerung immer noch vorhandene Mangel an Bewusstsein für die Erkrankung und die Betroffenen. „Vielen Menschen ist es gleichgültig, was geschieht, solange es nicht ihnen selbst geschieht“, zitiert er William Howard Taft. „Dabei kann es jeden treffen. Niemand ist davor gefeit“, gibt Richard Thurnher zu bedenken. Deshalb würde er sich nichts sehnlicher wünschen, als dass der Beitrag für die Alpinale 2018 doch noch realisiert werden könnte. Es soll ein Kurzfilm über den Schlaganfall und das Leben danach werden und einen Nachdenkprozess in Gang setzen. Doch die Finanzierung der 9600 Euro gestaltet sich schwierig. Der Versuch, das Geld über Crowdfoun­ding aufzubringen, scheiterte an der Kompliziertheit des Systems. Trotzdem haben Richard Thurnher und seine Mitstreiter die Hoffnung noch nicht aufgegeben.

Spendenkonto: Net lugg lo! Selbsthilfeverein, Projekt „Alpinale“, Raiba Bludenz-Montafon, Zweig­stelle Tschagguns, IBAN AT81 3746 8002 0050 4720