Ein Netz der Hoffnung

Gesund / 04.05.2018 • 06:41 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Ruth Leutgeb und Othmar Walser wollen Betroffenen helfen. vn/mm
Ruth Leutgeb und Othmar Walser wollen Betroffenen helfen. vn/mm

Selbsthilfegruppe für Schlaganfall und Schädel-Hirn-Trauma wird reaktiviert.

Bregenz Aus Othmar Walser sprudeln die Worte hervor wie Wasserfontänen aus einer Quelle. Zwar verwechselt und verdreht er Begrifflichkeiten, aber davon lässt sich der 64-Jährige nicht irritieren. Er ist froh, nach einem Schlaganfall, der ihn vor einem Jahr heimsuchte, überhaupt wieder sprechen zu können. „Damals“, erzählt Walser, „waren fünfzig Prozent des Wortschatzes einfach weg.“ Das hieß für ihn, vieles neu lernen. Mit der Hilfe von Logopädinnen der Sozialmedizinischen Organisation (SMO) gelingen ihm Unterhaltungen immer besser. Doch Othmar Walser weiß: „Es wird noch Jahre brauchen, bis die Sprache wieder korrekt und vollständig da ist.“ Doch das hält den Bregenzer nicht davon ab, sich aktiv am Leben zu beteiligen. Vor allem möchte er Menschen unterstützen, die in der gleichen Situation sind wie er. Dazu hat er sich mit Ruth Leutgeb zusammengetan und die Selbsthilfegruppe „Schlaganfall – Schädel-Hirn-Trauma“ reaktiviert. Die Treffen finden jeden zweiten Montag im Monat im Lebensraum Bregenz statt. Nächster Termin ist Montag, 14. Mai 2018.

Der Isolation vorbeugen

Eigentlich hatte Othmar Walser am 22. Juni 2017 einen wichtigen Termin. Als Anbieter von Betreuungslösungen sollte er an diesem Tag in der Fachhochschule Vorarlberg ein telemedizinisches Überwachungsprojekt vorstellen. Doch dazu kam es nicht mehr. Vier Tage vorher musste Walser im LKH Feldkirch ein Abszess im Hals operativ entfernt werden. Bei der Untersuchung wurde außerdem ein Schlaganfall diagnostiziert. Es folgten drei Wochen im Tiefschlaf und noch einmal vier Wochen in den Landeskrankenhäusern Bregenz und Rankweil. Anschließend begann die ambulante Reha bei der SMO. Othmar Walser machte enorme Fortschritte. Außer dem sprachlichen Handicap deutet kaum mehr etwas auf den erlittenen Schlaganfall hin. Er weiß aber, wie wichtig Hilfe gerade in dieser Zeit ist. „Regelmäßige Treffen in einer Gruppe können beitragen, eine krankheitsbedingte Isolation zu vermeiden“, sagt der wieder agile Mann. Er ist überzeugt, dass es im Großraum Bregenz viele Schlaganfall-Betroffene gibt, die das Angebot einer Selbsthilfegruppe in Anspruch nehmen würden. Walser hat auch Gespräche mit Gruppen der Deutschen Schlaganfall-Hilfe geführt und bestätigt bekommen, wie wichtig die Selbsthilfe als Netz der Hoffnung ist.

Bedarf nach Austausch

Ruth Leutgeb kann dieser Einschätzung nur beipflichten. Als ihr Mann 1990 nach einem schweren Verkehrsunfall, bei dem er sich ein Schädel-Hirn-Trauma zugezogen hatte, ins Wachkoma fiel und zum Pflegefall wurde, war sie froh um die Unterstützung, die sie in einer Selbsthilfegruppe in Dornbirn fand. Zwei Jahre verbrachte ihr Mann im LKH Rankweil, danach holte ihn Ruth Leutgeb nach Hause. Bis zu seinem Tod (2006) kümmerte sich die Familie aufopferungsvoll um den Ehemann und Vater. Noch heute besucht die Frau regelmäßig einmal pro Woche im LKH Rankweil einen Wachkomapatienten. Es sei ihr ein Bedürfnis, sagt sie. Gleiches gilt für die Weiterführung der Schädel-Hirn-Trauma-Selbsthilfegruppe. „Der Bedarf nach Austausch ist groß.“ Nun wollen sie und Othmar Walser mit der Selbsthilfegruppe „Schlaganfall – Schädel-Hirn-Trauma“ neu durchstarten. „Vielen fällt es leichter mit Menschen zu sprechen, die die gleichen Nöte haben“, wissen Leutgeb und Walser aus eigener Erfahrung. Die Selbsthilfegruppe möchte eine Auseinandersetzung mit der Krankheit und deren Folgen ermöglichen, Hilfe zur Selbsthilfe bieten, Übungen und Spiele sowie Gedächtnistrainings für Betroffene organisieren, fachliche Informationen durch Experten offerieren und gemeinsame Unternehmungen anbieten. Weiters ist die Zusammenarbeit mit anderen Selbsthilfegruppen geplant.

Schlaganfall bedeutet Notfall

In Vorarlberg gibt es jährlich etwa 1200 Schlaganfälle. Etwa ein Drittel der Betroffenen stirbt, ein weiteres Drittel braucht lebenslange pflegerische Betreuung. Besonders häufig tritt ein Hirninfarkt nach dem 60. Lebensjahr auf, aber es trifft immer öfter auch jüngere Menschen. „Ein Schlaganfall ist immer ein Notfall“, betont der Leiter der Stroke-Unit im Landeskrankenhaus Feldkirch, Primar Philipp Werner. Deshalb heißt es sofort handeln. Wird das verstopfte Blutgefäß innerhalb von viereinhalb Stunden wieder durchgängig gemacht, stehen die Chancen auf Wiederherstellung gut. VN-MM

Fakten & Informationen

Anzeichen für einen Schlaganfall

» Lähmungs- und Taubheitsgefühl

» Sprachstörung

» Sehstörung

» Schwindel und Gleichgewichtsstörung

» Schlagartig einsetzender starker Kopfschmerz

 

Selbsthilfegruppe

» Treffen jeden zweiten Montag im Monat im Lebensraum Bregenz, Stadtteilzentrum Mariahilf, Clemens-Holzmeister-Gasse 2, Bregenz

» Zeit: 18 bis 20 Uhr

» Nächster Termin: Montag, 14. Mai 2018

» Kontakt: Ruth Leutgeb, Tel. 0699/18119114, Othmar Walser, Tel. 0664/6365614