Im Einsatz für die Lebenden

Gesund / 21.06.2019 • 10:59 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Zerina Jasarevic vertrat Abteilungsleiter Felix Offner, der aus Termingründen seinen Vortrag absagen musste, in jeder Beziehung engagiert und hervorragend. vn/stiplovsek
Zerina Jasarevic vertrat Abteilungsleiter Felix Offner, der aus Termingründen seinen Vortrag absagen musste, in jeder Beziehung engagiert und hervorragend. vn/stiplovsek

Pathologische Analysen bilden die Basis für personalisierte Medizin.

Feldkirch „Krebs ist nicht schön.“ Charmant entschuldigte sich Zerina Jasarevic schon im Vorhinein bei ihrem Publikum für die Bilder, die sie im Rahmen ihres Vortrags zeigen wollte. Man habe ihr nahegelegt, keine grauslichen Aufnahmen zu zeigen, doch das lasse sich nicht vermeiden, stellte die geschäftsführende Oberärztin der Pathologie klar. Tatsächlich waren die Fotos sehr eindrücklich und trugen wesentlich zum besseren Verständnis der für Laien zum Teil kompliziert anmutenden Arbeit, die Pathologen täglich leisten, bei. Jasarevic betonte dabei mehr als einmal, dass die Pathologie das Fundament der Krebsbehandlung bildet. Das schließt die gesicherte Diagnose ebenso ein wie die Wahl der Therapie. „Krebsmedikamente sind sehr teuer, deshalb ist es wichtig, sie gezielt einzusetzen“, erklärte Zerina Jasarevic. Vorrangig geht es aber auch darum, das Richtige für den Patienten zu finden, um die Nebenwirkungen einer Behandlung so gering wie möglich zu halten. Die Erkenntnisse aus den histologischen und immunhistologischen Analysen sind Basis der sogenannten personalisierten Medizin.

Unter der Lupe

Die Pathologie ist die Lehre von den abnormalen und krankhaften Vorgängen und Zuständen im Körper und deren Ursachen. Pathologen analysieren dies anhand von Gewebeproben, Zellen, Metastasen oder Lymphknoten. Allerdings wird die Pathologie noch immer hauptsächlich mit Autopsien an Toten in Verbindung gebracht. „Dabei arbeiten wir in 90 Prozent der Fälle für die Lebenden“, klärte Zerina Jasarevic das Publikum auf. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr wurden in der Pathologie im LKH Feldkirch 320 Autopsien durchgeführt, aber rund 70.000 gynäkologische Abstriche untersucht. Dazu kommen noch Tausende anderer Proben, die in den verschiedenen Labors im wahrsten Sinne des Wortes unter die Lupe genommen werden. Die Menge resultiert aus dem Umstand, dass die Pathologie in Feldkirch die einzige derartige Einrichtung im Land ist und deshalb die Proben aller Krankenhäuser sowie der meisten niedergelassenen Mediziner dort eingehen. „Wir diagnostizieren nahezu alle Krebserkrankungen“, betonte Jasarevic.

Vergleiche unzulässig

Das wiederum ist eine aufwendige Arbeit, denn Tumore können sehr unterschiedlich sein. „Kein Tumor ist gleich, selbst wenn zwei Personen dieselbe Krebserkrankung haben“, verwies die Pathologin darauf, dass Vergleiche deshalb immer unzulässig sind. Ein Tumor kann in jeder Zelle des menschlichen Körpers entstehen. Ob er aggressiv oder weniger aggressiv ist, hängt vor allem von der Anzahl der sogenannten Teilungsfiguren ab, die sich unter dem Mikroskop zeigen. Sie werden von den Pathologen gezählt. Ist eine bestimmte Anzahl vorhanden, lässt sich das Risiko meist genau definieren. Es gibt aber auch Formen dazwischen, die beispielsweise keine gesicherte Prognose auf das Entstehen eines Tumors zulassen. In der Fachsprache werden sie Borderline-Tumore genannt.

Hilfreich für die Klassifizierung eines Tumors sind Biomarker. Dabei handelt es sich um Veränderungen der Proteine oder Gene. Anhand dieser Indikationen lässt sich ein Tumor genauer definieren. Zerina Jasarevic sprach von der Wichtigkeit, prädiktive Biomarker zu haben, weil sie eine ziemlich verlässliche Vorhersage auf das Ansprechen einer Therapie zulassen.

Zutritt zum Patienten

Eine immer größere Rolle bei der Diagnosestellung von Krebs spielt die Molekularpathologie. Jasarevic bezeichnete sie als technische Revolution. „Sie brachte ein neues Verständnis für die Tumorbiologie und neue Methoden der Tumordiagnostik.“ Die Analyse von genetischen Veränderungen bei soliden Tumoren und hämatologischen Erkrankungen ermöglicht nicht nur eine genauere Klassifizierung der Erkrankung und den Einsatz von zielgerichteten Therapien, die Molekularpathologie wird während der Therapie von Krebserkrankungen auch für Verlaufskontrollen angewendet. „Die Molekularpathologie ist der persönliche Zutritt zum Patienten“, formulierte es die erfahrene Ärztin geradezu euphorisch. Um zu einem handfesten Ergebnis zu kommen, sind jedoch eine Reihe von technischen Verarbeitungsschritten erforderlich. „Wichtig ist, dass wir über genügend Gewebe verfügen, das wir untersuchen können“, sagte Jasarevic.

Muss eine Analyse sehr schnell auf dem Tisch liegen, kommt die sogenannte Gefrierschnittdiagnostik zur Anwendung, landläufig auch als Schnellschnittuntersuchung bekannt. Dabei wird dem Patienten noch während des Eingriffs eine Gewebeprobe entnommen, diese schockgefroren, geschnitten, eingefärbt und vom Pathologen begutachtet. Das Ergebnis erhält der Operateur spätestens nach 15 Minuten telefonisch direkt in den Operationssaal mitgeteilt. „Auf diese Weise kann der laufende Operationsvorgang angepasst und eine Nach-OP vermieden werden“, beschrieb Zerina Jasarevic den Vorteil. Die Aussagekraft dieser Methode ist zwar nicht so gut wie jene von in Paraffin eingebetteten Gewebeproben, mitunter muss es aber auch in der Medizin schnell gehen.

Der Vortrag kann in ganzer Länge unter gesundheit.vol.at nachgesehen werden.