Gegenstrategien entwickeln

Gesund / 04.10.2019 • 10:53 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die Teilnehmer des Workshops generierten neues Wissen und neue Möglichkeiten im Umgang mit rabiaten Patienten. monika bischof
Die Teilnehmer des Workshops generierten neues Wissen und neue Möglichkeiten im Umgang mit rabiaten Patienten. monika bischof

Deeskalationsworkshops zur Verminderung von Aggressionen in Krankenhäusern.

BLUDENZ Ambulanzen bilden im Krankenhausalltag einen sehr sensiblen Bereich. Die Herausforderungen an das Pflegepersonal sind vielfältig. Einerseits wird in diesem Bereich akute Erstversorgung geleistet und dies oft ohne ausführliche Anamnese, andererseits sind die Pflegekräfte mit unterschiedlichsten Patienten und deren Krankheitssymptomen konfrontiert. „Wir sind oft der Erstkontakt, wenn Patienten mit der Rettung ins Krankenhaus gebracht werden. Gerade in den Nachtdiensten sind wir zunächst pflegerisch tätig, bis der Arzt von der Station kommt“, erklärt Dagmar Burghuber-Hirst, die in der Ambulanz des Landeskrankenhauses Bludenz arbeitet. Die Ambulanz ist ein zeitweilig sehr turbulenter Bereich. Erschwerend wirkt sich das zunehmende Gewalt- und Aggressionspotenzial aus, das von den Patienten ausgeht. Um das Personal auf solche Situationen vorzubereiten, organisierte Pflegedienstleiter Erich Gantner unlängst einen Deeskalationsworkshop. 24 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus verschiedenen Krankenhäusern nahmen daran teil.

Aggressionspotenzial gestiegen

„Es hat immer schon aggressives Verhalten gegeben. In den vergangenen Jahren ist das Aggressionspotenzial jedoch immens gestiegen. Dieses äußert sich nicht nur verbal. Drohungen und Beschimpfungen sowie persönliche Beleidigungen wie ‚blöde Kuh‘ oder ‚Bitch‘ sind an der Tagesordnung. Auch die physische Gewalt nimmt zu. So wurde ich schon von einem Patienten gewürgt. Vor kurzem erst hat ein Patient im Wartebereich randaliert und dort sogar uriniert“, schildert Burghuber-Hirst ihre Erfahrungen. Sie arbeite trotzdem sehr gerne in der Ambulanz, denn die Arbeit dort sei abwechslungsreich und es gebe oft schnelle Erfolge.

Um Sicherheit besorgt

Erich Gantner ist das Gefahrenpotenzial im Ambulanzbereich bewusst: „Wir beobachten eine Steigerung gewalttätigen Verhaltens und dies vor allem im Ambulanzbereich. Oft kommen Patienten mit falschen Erwartungshaltungen. Wartezeiten werden kaum mehr in Kauf genommen, viele Leute erwarten, sofort untersucht zu werden. Ist das nicht der Fall, steigert sich die Ungeduld und somit die Aggression gegenüber den Pflegekräften. Drogen- und Alkoholkonsum potenzieren aggressive Verhaltensweisen. Die Mitarbeiter sind im Umgang mit gewaltbereiten Patienten zum Teil sehr verunsichert. Ich bin besorgt um ihre Sicherheit, besonders, wenn Pflegekräfte allein im Nachtdienst sind.“

Über das Diensthandy kann ein Notfallknopf betätigt werden, der intern und beim Polizeiposten Bludenz Alarm auslöst. Die Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit der Polizei sind sehr gut. „Die Polizei nimmt Notrufe aus dem Krankenhaus sehr ernst. Die Beamten bemühen sich, in kürzester Zeit hier zu sein. Ich bin allerdings kein Befürworter von Securitys im Krankenhaus. Die Anstellung einer zweiten Pflegekraft während der Nachtdienste wäre sinnvoller, da damit auch pflegerisch eine Entlastung geboten wäre“, meint Gantner. Geplant sei zudem, zwei eigene Deeskalationstrainer nächstes Jahr in Stuttgart ausbilden zu lassen, damit Vorfälle zeitnah besprochen und verarbeitet werden können. Die Deeskalationsspezialisten sollten zudem als Multiplikatoren ihres Wissens wirken. Der aktuelle Workshop richtete sich an Mitarbeiter, die im Erstkontakt mit Patienten stehen: Portiere sowie das Pflegepersonal im Aufnahme- und Ambulanzbereich.

Situationstraining

Egon Herter, diplomierter Deeskalationstrainer sowie Fachkrankenpfleger für Intensiv und Anästhesie, leitete den Workshop. Er wies die Teilnehmer auf drei aggressionsauslösende Faktoren hin: die Institution selber, die Pflegekraft als solche sowie den Patienten oder dessen Angehörige. Im Rahmen des Workshops wurden Verhaltensweisen erarbeitet, wie mit herausfordernden Situationen besser umgegangen werden kann. Dies wurde sowohl in einem Theorieteil als in Situationstrainings mittels Videoanalyse erprobt. „Das Ziel ist eine verbale Deeskalation. Hierfür ist es nötig zu hinterfragen: Wie kann ich mich verhalten, um das Gegenüber aus seiner Angst, Wut oder Sorge heraus zu begleiten?“, fasste Egon Herter das Grundkonzept des Workshops zusammen. Walter Wehinger, einer der Teilnehmer, arbeitet als Portier im Landeskrankenhaus Bludenz. Der Workshop habe ihn für die Einschätzung von Problemsituationen von Menschen, die ins Krankenhaus kommen, sensibilisiert: „Ich weiß nun, dass ich bereits in der Portiersloge aggressives Verhalten von Patienten entschärfen kann.“ BI

„Ich weiß nun, dass ich schon in der Portiersloge aggressives Verhalten entschärfen kann.“