300 Straftaten von 13-Jährigen: Was aus Sicht des Jugendanwalts bisher schiefläuft

Zwei amtsbekannte 13-Jährige haben einen 72-Jährigen in Dornbirn brutal überfallen. Kinder- und Jugendanwalt Christian Netzer sieht in der Strafmündigkeit kein Allheilmittel.
Dornbirn Ein 72-jähriger Mann ist in der Nacht auf Dienstag gegen 1 Uhr in Dornbirn von zwei amtsbekannten 13-Jährigen brutal überfallen und ausgeraubt worden. Die beiden verfolgten ihn, griffen ihn von hinten an und schlugen und traten ihn nach Polizeiangaben äußerst brutal gegen Kopf und Oberkörper, auch als er bereits wehrlos am Boden lag.
Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von Iframely angezeigt.
Die beiden Verdächtigen sind demnach Intensivtäter, ein syrischer und ein in Österreich geborener deutscher Staatsbürger. Sie sind wegen zahlreicher Vermögens- und Gewaltdelikte amtsbekannt und kamen im Jahr 2026 gemeinsam auf über 300 Tatverdachtsmomente. Da sie noch nicht 14 und damit nicht strafmündig sind, wurden sie bisher weder angeklagt noch verurteilt oder in Untersuchungshaft genommen. Sie werden nach Ende der Befragungen in die Obsorge der Eltern entlassen.
Erneute Forderung nach Herabsetzung des Strafalters
Landeshauptmann Markus Wallner (ÖVP) erneuerte anlässlich des Vorfalls, der fassungslos mache, seine Forderung nach einer Herabsetzung der Strafmündigkeit. “Für 13-jährige Intensivtäter wie diese kann die Antwort nur noch die stärkste Konsequenz sein, nämlich eine zwangsweise Unterbringung. Dafür braucht es jetzt sofort den gesetzlichen Rahmen – eine Verzögerungstaktik oder ein einfaches ‚Nein‘ der Justizministerin ist nach einem Vorfall wie diesem für mich nicht akzeptabel.” Wer so ein Problem ignoriere, gefährde die öffentliche Sicherheit.
Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von Iframely angezeigt.
Innenminister Gerhard Karner (ÖVP) sei in engem Austausch mit Justizministerin Anna Sporrer (SPÖ), “um konsequente Maßnahmen im Kampf gegen die Jugendkriminalität voranzutreiben. Ich halte gefängnisähnliche Aufenthalte von unter 14-Jährigen für absolut notwendig – denn jugendliche Intensivtäter müssen klare Konsequenz spüren”, bekräftigte er.
“Senkung hat keine positiven Auswirkungen auf Gesamtsystem”
Sporrer betonte jüngst, dass Jugendliche erzogen und nicht bestraft gehören, und lehnte bislang eine Senkung der Strafmündigkeit ab. In ein ähnliches Horn stößt der Vorarlberger Kinder- und Jugendanwalt Christian Netzer. “Eine solche Tat ist weder zu tolerieren noch zu akzeptieren”, stellt er aber klar. “Eine Senkung der Strafmündigkeit hat aber keine positiven Auswirkungen auf das Gesamtsystem.” Schließlich würde dann eine unüberlegte Rauferei auf dem Schulhof schon zu Anzeigen führen, für einen Großteil der Jugendlichen sei dies aber überschießend. Nur die wenigsten straffälligen Minderjährigen verharren auf der schiefen Spur, versichert Netzer.
Stärkung und Verbindlichkeit in der Jugendhilfe
Das Problem besteht aus seiner Sicht darin, dass die sogenannten Systemsprenger bislang den Erziehungsmaßnahmen zu leicht entkamen. “Es benötigt eine Stärkung und mehr Verbindlichkeit in der Jugendhilfe. Bislang ist fast alles auf Freiwilligkeit aufgebaut”, räumt Netzer ein. Die Experten der Pädagogik und psychosozialen Dienste müssten in diesen Fällen jedoch schon früher mehr Handlungsspielraum haben. Er verweist hier etwa auf die Auszeit-WG in Wien als Beispiel. “Was geschah nach dem ersten, nach dem zweiten Fall?”, ist für Netzer die wichtige Frage.
Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von Iframely angezeigt.
Zwangsunterbringungen als Ultima Ratio müssten für ihn daher eher pädagogische oder psychosoziale Ansätze und die Resozialisierung der Jugendlichen als Ziel haben. “Dies sind Menschen, die uns als Gesellschaft noch Jahrzehnte lang begleiten werden”, gibt er zu bedenken.
Zeugen und Personen, denen im Vorfeld oder nach der Tat verdächtige Jugendliche aufgefallen sind, sollen sich direkt mit dem Landeskriminalamt Vorarlberg unter der Telefonnummer 059133 803333 in Verbindung setzen.