“In Götzis gab’s keine Männer, dann habe ich halt in Bürs gesucht” – die älteste Bürserin wird demnächst 102 Jahre alt

Eine schwere Kindheit in Götzis, ein zerbombtes Elternhaus und warum ausgerechnet der Fernseher so besonders war.
GÖTZIS/BÜRS Wenn Anna Tschabrunn nach ihrem Geheimnis des Alters gefragt wird, muss sie nicht lange überlegen. Im August wird sie 102 Jahre alt. Ein Alter, das staunen lässt. Ihre Antwort aber ist schlicht: “Ich bin froh, wenn ich morgen wieder aufstehen kann, und bin zufrieden.”
Der Krieg war grausam
Es ist ein Satz, der viel erzählt. Von Bescheidenheit und von Erfahrung. Das Leben der ältesten Bürserin war nicht immer leicht. Geboren und aufgewachsen in Götzis, erlebte Anna Tschabrunn als Kind den Krieg. “Die Kindheit war nicht gut”, sagt sie. Man sei in die Schule gegangen, dann habe man gearbeitet. Viel mehr sei da nicht gewesen.
Besonders eingebrannt hat sich der Moment, als das Elternhaus in Götzis zerstört wurde. “Uns haben die Franzosen das Haus zusammengeschossen”, erinnert sie sich. “Wir haben den Anflug der Bomben gehört, bevor es losgegangen ist.” Es habe Tote gegeben, Häuser seien kaputt gewesen, alles habe wieder aufgebaut werden müssen. Nach 1945 war vieles verloren. “Wir hatten keine Heimat mehr. Kein Bett.” Auch die Kinder halfen mit, wann immer sie konnten. Sechs Kinder waren sie daheim. “Wir waren halt da”, sagt sie. Und wenn Arbeit war, wurde gearbeitet.

Von ihren Eltern habe sie vor allem eines mitbekommen: zufrieden sein. “Wie es halt damals war.” Zufrieden sein und arbeiten – das gehörte zusammen. Später fand fast die ganze Familie Arbeit bei Huber Tricot in Götzis. “Da hatten wir die beste Zeit”, erzählt Tschabrunn. Der Vater und fünf Mädchen arbeiteten dort. Es wurde genäht, gewaschen und geputzt. Arbeiten in der eigenen Gemeinde war damals ein großes Glück.
Tschabrunn wechselte später zum Möbelhaus Längle, danach arbeitete sie beim Unternehmen Otto Beck in Feldkirch bis zur Pensionierung. “Es war sehr schön”, sagt sie rückblickend.

Gratisreisen als Highlight in jungen Jahren
Auch privat führte sie ein zufriedenes Leben. Ihren Mann lernte sie in Bürs kennen. “In Götzis gab es keine Männer, dann bin ich nach Bürs gekommen und habe geschaut – und dann habe ich ihn gefunden”, sagt sie mit trockenem Humor. Ihr Mann war zuerst Bäcker, später Eisenbahner. Das brachte dem Paar ein besonderes Glück: Reisen mit der Bahn. Italien wurde für Anna Tschabrunn zu einem prägenden Ort. “Das war schön”, sagt sie. Kinder hatten die beiden keine. “Wenn man im Leermond (Neumond) heiratet, gibt’s keine Kinder”, lacht die Pensionistin und weiß, wovon sie redet. Verheiratet waren sie lange, ihr Mann starb vor rund 20 Jahren. “Es war eine gute Ehe.”
Sport und Zufriedenheit
Wenn sie auf die großen Veränderungen ihres Lebens blickt, nennt sie zuerst nicht die Technik, sondern den Krieg. Haus und Hof verloren zu haben, die Angst dieser Zeit – das habe sie geprägt. Erst danach kommt der Fernseher. “Das war super, als der gekommen ist. Dann hat man die Welt von einer anderen Seite gesehen.” Einen Computer hatte sie nie. Ein Handy schon.
Fit gehalten hat sie vieles, vor allem Bewegung. Noch mit 96 Jahren fuhr sie Auto. Tennis spielte sie bis 80. “Früher bin ich viel herumgesprungen”, sagt sie. “Man hat halt getan, was zu tun war. Und dann ist man älter geworden.”
