Vom Hütebub zum Molkereiunternehmer

Der Emmentaler-Pionier Josef Rupp (1885–1962).
Nach der Abtrennung Norditaliens von Österreich im Jahr 1867 mussten sich sowohl die Vorarlberger Textilindustrie als auch die Milchwirtschaft weitgehend um neue Absatzgebiete umsehen. Was den Baumwollverarbeitern recht gut gelang, war für die Käseverkäufer mit heftigen Anstrengungen und nur innerhalb des Reichsgebietes möglich. Der bisher im Bregenzerwald hauptsächlich erzeugte Bergkäse, damals als „Groyer“ (Greyerzer) bezeichnet, entsprach dem Publikumsgeschmack auf den Märkten in Wien und Prag nur noch bedingt. „Bei den reichen Städtern“, so ein Vorarlberger Käsehändler in Wien, könne „nur mit guter und schöner somit hochprima Ware“ ein Geschäft gemacht werden. Reißenden Absatz aber fand der neue Modekäse, nämlich der vollfette Schweizer Emmentaler. Versuche des Käsevereins Bezau in den 1880er-Jahren einen solchen herzustellen scheiterten an Nachlässigkeiten bei der Milchgewinnung, der Hygiene in den Sennereien und am Mangel an tüchtigem Sennereipersonal. Deshalb wurde auf Initiative von Wiener Käsehändlern im Zusammenwirken mit dem Vorarlberger Reichsratsabgeordneten und Landeskulturrat Jodok Fink 1900 in Doren eine k.k. Landeskäsereischule eröffnet. Hier sollten junge Sennen eine Ausbildung erhalten, die sie instand setzte, Emmentaler nach Schweizer Art herzustellen. Die Absolventen der Dorener Schule fanden in der Regel sofortige Beschäftigung in den über 100 Sennereien in Vorarlberg. Das Lehrinstitut war aber bis 1912 stets auf öffentliche Zuschüsse angewiesen. Deshalb übergab das Land die Lehrsennerei an den Oberkäser Josef Rupp auf dessen eigene Rechnung. Dieser hatte sich als Pächter der Sennerei Schwarzenberg ab 1908 durch die Herstellung von hochwertigem Emmentaler einen Namen gemacht.
Josef Rupp wurde als dritter von acht Buben des Ehepaares Peter Rupp und Maria Anna Kuster am 31. Jänner 1885 in Fußach geboren. Schon als Schüler musste Rupp als Hütekind ins Schwabenland. Im Alter von 13 wurde er an den Molkereibetrieb Bantel in Möggers-Rucksteig verdingt und besuchte hier nebenbei das letzte Schuljahr. Später, als gemachter Mann, scherzte er bisweilen, er habe die Hochschule besucht – auf der Rucksteig. Hier in Möggers trat er 1907 erstmals als Milchkäufer der örtlichen Sennerei auf. Davor lagen aber noch Lehrjahre in allgäuischen Molkereibetrieben und eine dreijährige Militärzeit beim 1. Regiment der Tiroler Kaiserjäger. Dort wurde er in charakterlicher Hinsicht als „ernst, ruhig, gutmütig und ehrliebend“ beschrieben. Sein Abschied aus den militärischen Verpflichtungen verlief für den Zugsführer allerdings unerfreulich. Als angestrengter Oberkäser in Schwarzenberg erschien er 1909 verspätet zu einer Waffenübung und wurde dafür mit zwei Tagen „Einzelarrest“ bestraft. Die k. u. k. Armee kannte auch gegenüber Berufstätigen keinen Pardon.
Unmittelbar nach seiner aktiven Militärzeit begab er sich im September 1906 an die schweizerische Molkereischule Rütti-Zollikofen. Er war damit der erste Österreicher, der die Geheimnisse der Schweizer Käseherstellung an Ort und Stelle erfuhr und erlernte. Diese nicht unerhebliche Investition aus eigenen Mitteln sollte sich in den folgenden Jahrzehnten bezahlt machen. Nach dem Abschluss des einjährigen Kurses in diesem Forschungs- und Praxiszentrum der Emmentalerproduktion machte sich Josef Rupp selbstständig: Als Milchkäufer und Meisterkäser. Dabei zeigte er bald weitere wesentliche Eigenschaften, nämlich praktisches Können und geschäftlichen Weitblick. Noch vor dem Ersten Weltkrieg sah er auf den Anhöhen des Leiblachtals günstige Voraussetzungen für die Emmentalerproduktion. Neben Möggers kaufte er 1912 auch die Milch der Sennereigenossenschaft Eichenberg-Lutzenreute und danach auch jene von Hohenweiler-Leutenhofen. In all diesen Sennereien setzte er Schweizer Sennen oder Absolventen der Dorener Schule ein.

Der Erste Weltkrieg brachte tiefgreifende Einschnitte in die Landwirtschaft und das gesamte Ernährungswesen. Wo das Militär anfangs noch zu guten Preisen lebende Tiere und Milchprodukte eingekauft hatte, begann bereits im zweiten Kriegsjahr die Rationierung der Lebensmittel und die Ablieferungspflicht für die Bauern. Die Zuteilung der Rationen geschah durch Ernährungsämter bzw. die Gemeinden, die Kontrolle der Ablieferungspflicht erfolgte durch eine Getreide- bzw. eine Fettkommission. Josef Rupp wurde nach kurzem Militärdienst im April 1915 vom aktiven Dienst enthoben und der Fettkommission für Vorarlberg zugeteilt. Damit erhielt er einen tiefen praktischen Einblick in das gesamte Vorarlberger Sennereiwesen, vor allem in die Produktivität der Alpen, die er regelmäßig zu begehen hatte. Nicht selten war die amtliche Stellung des Taxierens der Ablieferungsmenge der einzelnen Höfe und Alpen mit erheblichen Auseinandersetzungen mit den bäuerlichen Produzenten verbunden. Noch vor der Rationierung musste Rupp eine Pressekampagne hinnehmen mit dem Vorwurf, er habe Butter der Dorener Käsereischule an Kasernen in Innerösterreich verkauft und nicht im Lande angeboten.
Im Oktober 1916 heiratete Josef Rupp Rosa Kohler aus Lochau, den Kriegszeiten entsprechend, in einer einfachen Zeremonie in der Kapelle von Schloss Hofen. Danach übernahm er nach entsprechender Abgeltung den Gutshof der Schwiegereltern samt dem Gasthaus „Hirschen“. Die Gastwirtschaft wurde aber sofort geschlossen, die Konzentration gehörte nun ganz der Landwirtschaft und dem Käsehandel. 1917 ließ er die Einzelfirma „Josef Rupp, Käserei und Käsehandel, Doren und Lochau“ ins Handelsregister eintragen. Nach Ende des Krieges fiel das Doren weg, da die Regierung des neuen Bundeslandes weder Mittel noch Interesse hatte, die öffentliche Lehrkäserei weiterzuführen.
Obwohl Rupp noch bis zur Aufhebung der Ablieferungspflicht im Jahr 1921 in der Fettkommission tätig war, gehörte nun seine ganze Energie dem Ausbau des Gutshofes und der Ausweitung des Käsehandels. Neben den bereits genannten kamen nun noch weitere Sennereien dazu, deren Milch von Rupp zu Emmentaler verarbeitet wurde. Als Absatzgebiete wurden etliche europäische Staaten erschlossen und schließlich auch Nordamerika. Die als Käseexporteure gut etablierten und bekannten Gebrüder Dürst aus Bern sahen im Rupp’schen Emmentaler beste Verkaufschancen in den USA, da er qualitativ mit Schweizer Produkten mithalten konnte, aber billiger war. Die Qualität dieses „Emmentaler nach Schweizer Art“ wurde auch in Österreich honoriert. Bei der Käseschau der Wiener Messe 1926 erhielt die Firma Josef Rupp für zwei Emmentaler der Sennerei Hohenweiler den 1. Preis.

Im Sommer 1924 unterbrach ein Unglück den Aufschwung des Hauses Rupp. Das gesamte Wirtschaftsgebäude in Lochau brannte bis auf die Grundmauern nieder. Und obwohl alle Feuerwehren im Umkreis den Großbrand einzudämmen versuchten, war es nur der modernen Spritze der Lindauer Wehr zu danken, dass das stattliche Wohnhaus vor den Flammen gerettet werden konnte. Nach dem Wiederaufbau ging die Expansion der Firma Josef Rupp zügig weiter. Ende der 1920er-Jahre wurde die Seifenfabrik Blumer an der Lindauerstraße erworben und darin ab 1937 ein modernes Schmelzkäsewerk eingerichtet. 1931 übernahm Rupp die Molkerei Bregenz von einer Leiblachtaler Genossenschaft, die den Betrieb nicht mehr rentabel zu führen imstande war. 1932 wurde im Handelsregister der Betriebsgegenstand von Hof und Firma neu definiert: Erzeugung und Handel von Milch-, Molkerei-, Käse- und Landesprodukten.
Mit dem aufziehenden Nationalsozialismus stand plötzlich das politische Engagement des Josef Rupp im Zeichen heftiger Angriffe. Im November 1933 verübten Nazis einen Sprengstoffanschlag auf das Wohn- und Verwaltungsgebäude, bei dem ein bedeutender Schaden im Büroraum entstand. Rupp war Zielscheibe der Nazis, da er als bekannter „Schwarzer“ seit 1929 Bürgermeister von Lochau und bereits seit 1923 Landtagsabgeordneter war. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im März 1938 wurde Rupp verhaftet und erst durch einen erpressten erheblichen Geldbetrag wieder freigelassen. Noch im Mai 1938 stellte sich mit Dr. Harald Eberl jener NS-Funktionär bei Rupp ein, der nun das Sagen in wirtschaftlichen Angelegenheiten hatte und von seiner Macht ungehemmten Gebrauch machte. Gegen einen von Eberl festgesetzten Spottpreis hatte Rupp das Schmelzwerk an die Alma abzugeben. „Die Erwerbung in Lochau“, betonte der Kreisbauernführer Troy bei der JHV der Alma im April 1939, werde „im Sinne der nationalsozialistischen Wirtschaftsordnung und in der Ernährung des deutschen Volkes wertvolle Aufgaben zu erfüllen haben.“ Diesen Zustand versuchte die Alma auch nach 1945 um jeden Preis aufrechtzuerhalten. Es bedurfte einer gerichtlichen Restituierung im Jahr 1949, ehe Rupp sein entzogenes Eigentum zurückerstattet wurde.
Als der Kommerzialrat und Ehrenbürger der Gemeinde Lochau 1962 verstarb, hinterließ er einen mustergültigen Landwirtschaftsbetrieb, der Mitte der 1950er-Jahre 125.000 Liter Milch und 15 Tonnen Obst produzierte, und eine Milchverarbeitungsfirma, von der 230 Tonnen Emmentaler und über eine Million Kilogramm Schmelzkäse hergestellt wurden. Der Emmentaler-Pionier hatte es durch handwerkliche Fertigkeit, unternehmerischen Wagemut, ein waches Gespür für Notwendiges und Mögliches sowie tatkräftiges Handeln vom armen Verdingbub zum erfolgreichen und anerkannten Unternehmer gebracht. Neben dem privaten Nutzen und dem Wohlergehen seiner Familie war ihm auch das öffentliche Engagement ein stetes Anliegen.
Der Historiker Meinrad Pichler stellt in der Serie „Avantgarde“ historische Persönlichkeiten in und aus Vorarlberg vor, die auf wirtschaftlichem, sozialem oder kulturellem Gebiet vorangegangen sind beziehungsweise vorausgedacht haben und damit über ihre Zeit hinaus wirksam wurden. Neben biografischen Stationen gilt es deshalb vor allem zu zeigen, was diese Personen öffentlich Bleibendes geschaffen, erfunden oder erdacht haben. Da durch aktuelle Gegebenheiten wieder vieles neu gedacht und eingerichtet werden muss, sind innovative Köpfe immer gefragt.