Leise Kraft am Gießenbach

Zwischen Feldern und Bachläufen wuchsen in Satteins und Schlins frühe Textilfabriken.
Satteins Wer durch Satteins und Schlins fährt, denkt zuerst an Landwirtschaft: Höfe, Wiesen, Ställe und ruhige Dorfkerne. Kaum etwas verrät, dass hier an der Nordseite des Walgaus schon früh Maschinen liefen. Die Industrialisierung kam nicht mit rauchenden Schloten oder gewaltigen Fabrikburgen, sondern leise, beinahe unscheinbar – und blieb doch prägend für Generationen. Den Anfang machte 1836 das Unternehmen Elmer & Co. mit ausländischen Investoren und Vorarlberger Beteiligung. In Satteins entstand eine Färberei, Bleiche und Druckerei, im nahen Frommengärsch in Schlins eine Weberei und Spinnerei. Diese beiden Standorte blieben über das gesamte 19. Jahrhundert die einzigen Großbetriebe der Gemeinden und bestimmten Arbeit, Tagesrhythmus und Einkommen vieler Familien. Der Klang der Webstühle gehörte bald so selbstverständlich zum Dorf wie das Läuten der Kirchenglocken.

Arbeitskräfte aus der Schweiz
Die Textilfabrik in Satteins beschäftigte zeitweise bis zu 300 Arbeiterinnen und Arbeiter, dazu Heimarbeiter und Lohnweber in der Region. Schweizer Fachkräfte brachten Wissen, neue Techniken und andere Lebensweisen ins Dorf. Mit ihnen veränderte sich das soziale Gefüge spürbar: Fabriksarbeit wurde zum festen Bestandteil des Alltags, feste Schichten ersetzten saisonale Arbeit auf den Feldern. In Schlins war die Entwicklung bodenständiger. In der Weberei Frommengärsch arbeiteten vor allem Einheimische, um 1856 fast hundert Menschen. Viele standen tagsüber an den Maschinen und halfen abends wieder in Stall und Garten. Industrie und Landwirtschaft existierten lange nebeneinander.
Eigene Kraftwerke
Die Stickerei blieb eine Randerscheinung. Eine Ausnahme war Daniel Metzler, der in Satteins eine kleine Stickfabrik gründete und zugleich als Energiepionier dachte. Um 1900 plante er ein Laufkraftwerk am Gießenbach. Auch Gebhard Burtscher errichtete bereits 1896 oberhalb des Dorfes ein Elektrizitätswerk mit eigenem Netz. Entlang des Bachs entstanden weitere Kleinkraftwerke für Betriebe und Haushalte. Strom wurde zur neuen Triebkraft der Region und veränderte Produktion wie Alltag grundlegend. Doch die Textilzeit ging zu Ende. Degerdon hielt sich lange, ging aber 2006 in Konkurs, der Nachfolgebetrieb kurz darauf ebenfalls. 2012 wurden die alten Anlagen großteils abgetragen, sogar der hohe Schornstein gesprengt. Wo früher Fabrikmauern standen, entstand ein modernes Betriebsgebiet. Die Illwerke VKW errichteten ein neues Kleinwasserkraftwerk. Seit 2020 liefert eine archimedische Schnecke leise Ökostrom für rund 130 Haushalte. Heute prägen andere Namen die Industriegeschichte: Lorünser produziert Metallteile und Armaturen, Erne Fittings ist ebenfalls wichtiger Arbeitgeber. Beide Betriebe liegen abseits der Dorfzentren, fast versteckt zwischen Feldern und Wiesen. Vielleicht ist das typisch für Satteins und Schlins: Die Industrie drängt sich nicht auf. Aber sie war immer da – erst im Takt der Webstühle, heute im Surren moderner Maschinen. MEC