Salonvortrag im Zeichen von Ingeborg Bachmann

Uta Degner referierte zum 100. Geburtstag der österreichischen Schriftstellerin.
thüringen Der Frühjahrsstart der vom Verein Villa Falkenhorst und der VHS Bludenz durchgeführten Salonvorträge widmete sich der österreichischen Autorin Ingeborg Bachmann, deren 100. Geburtstag im Juni gefeiert wird. Mit Universitätsprofessorin Dr. Uta Degner konnte dafür eine profunde Bachmann-Kennerin gewonnen werden. Die an der Universität Innsbruck tätige Germanistin präsentierte den etwa 30 literaturinteressierten Besuchern im Salon der Villa Falkenhorst das facettenreiche Leben und Werk der Kultautorin, deren Texte noch heute eine Vielzahl von Zugängen ermöglichen.

Die gebürtige Kärntnerin begann schon während ihrer Studienzeit in Wien, wo sie Philosophie studierte, Texte zu verfassen, was der Öffentlichkeit lange weitgehend verborgen blieb. Das änderte sich, als 1954 im SPIEGEL eine Titelstory über sie erschien. Dabei sorgt im Rückblick schon ihr Bild auf der Titelseite für Diskussionen, zeigt es die Autorin doch in einer für damalige Zeiten untypischen Weise: Mit Kurzhaarfrisur und ohne übliche weibliche Attribute wirkt sie fast androgyn. Der Text versuchte, die damals bereits in Rom Lebende in die klassische Reihe nach Italien gezogener deutscher Dichter einzuordnen. Bild und Text sorgten für ein Klischee, dem Bachmann 1956 in dem sehr persönlichen Essay “Gedichte aus dem römischen Ghetto. Neue römische Elegien” begegnete. Er verhinderte jedoch nicht, dass der journalistische SPIEGEL-Artikel über Jahre das Bachmann-Bild prägte.

Erst Jahre nach ihrem tragischen Tod 1973 änderte sich das, als sich die Literaturwissenschaft intensiver mit ihren frühen Texten auseinandersetzte, die sie in Wien im Umfeld von Ilse Aichinger und Elisabeth Löcker (für Bachmann eine Art role model einer selbstbewussten Frau) in der unmittelbaren Nachkriegszeit verfasst hatte. Bachmann wollte sich bewusst mit dem Zivilisationsbruch von 1938 auseinandersetzen, für sie war Hinschauen wichtig. Literatur stellte für Bachmann einen Beitrag zum Geschichtsdiskurs dar. Die Referentin hält sie daher für weit mehr als bloß eine Autorin. Gerade das Bild der Bachmann als “wichtige Denkerin” sei gegenüber anderen oft vernachlässigt worden. Manchen galt sie als Primadonna, quasi als “Callas der Literatur”, für manche die “Schmerzensfrau”, die von Max Frisch zerstört worden sei.
So unterschiedlich also der Blick auf die Person Bachmann ist, so unterschiedlich sei auch der Zugang zu ihren Werken. Ihr Schaffen sei nie stringent gewesen, sie habe immer den Anspruch gehabt, sich neu zu erfinden. So ist in den späten 1960ern auch ihre Abkehr von der Lyrik hin zur Epik zu verstehen. Ihre oft verschlüsselten Texte können noch heute vieldeutig gelesen werden. Ihr Ziel sei es immer gewesen, sagt Degner, die Leser nicht zu belehren, sondern sie zu kritischer Auseinandersetzung anzuregen.
Das Vermächtnis der Bachmann sei es, schloss die Referentin, wie kaum eine andere Autorin des 20. Jahrhunderts sowohl als Person als auch mit ihren Arbeiten ohne große Popularitätsschwankungen stets im Bewusstsein des Lesepublikums verblieben zu sein. OS