Feldkirch im Wandel: Vom mittelalterlichen Stadtkern zur Industriezone

Heimat / 07.05.2026 • 09:02 Uhr
Illschlucht mit der ersten Ganahl Fabrik und Gewerbezone in der Au um 1880. Foto: Feldkircher Stadtarchiv
Illschlucht mit der ersten Ganahl-Fabrik und Gewerbezone in der Au um 1880. Feldkircher Stadtarchiv

Die Industrialisierung veränderte das Gesicht Feldkirchs nachhaltig.

Feldkirch Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein präsentierte sich Feldkirch als klassische mittelalterliche Stadt. Enge Gassen, Stadtmauern und Tore bestimmten das Bild. Doch mit der Industrialisierung setzte ein tiefgreifender Wandel ein: Die günstige Lage an der Ill, eine lebendige Handels- und Gewerbeszene sowie die Funktion als Verkehrsknotenpunkt machten die Stadt früh zu einem attraktiven Standort für neue Betriebe. Viele ansässige Handwerker wagten den Schritt in die industrielle Produktion. Gleichzeitig wurde Platz benötigt – und so begann man, Teile der Stadtbefestigung abzubrechen. Eine Entscheidung, die Voraussetzung für den Aufschwung war. Maßgeblich vorangetrieben wurde dieser Schritt von Bürgermeister Johann Josef Ganahl, der später selbst zu einem der führenden Industriellen der Stadt wurde. Ein Zentrum der frühen Industrie entstand in der Feldkircher Au entlang der Ill. Hier sorgte der Mühlbach mit seinen Verzweigungen seit Jahrhunderten für die nötige Wasserkraft. Die Anfänge der Baumwollverarbeitung reichen bis ins späte 18. Jahrhundert zurück und sind eng mit dem Händler Peter Josef Leone verbunden. Wenig später stieg auch Ganahl selbst in die Industrie ein.

Spinnerei Feldkirch von Getzner Mutter & Cie. um 1880. Foto. Getzner Mutter & Cie
Spinnerei Feldkirch von Getzner, Mutter & Cie. um 1880. Getzner, Mutter & Cie.

Textilimperium

Zu den prägenden Persönlichkeiten zählte außerdem Christian Getzner, der im Palais Liechtenstein seine erste Spinnerei gründete und damit den Grundstein für ein späteres Textilimperium legte. Neben diesen großen Namen entstand eine Vielzahl kleinerer Betriebe – von Bandwebereien und Zwirnereien bis hin zu chemischen Fabriken und einer Seifenproduktion. Die erste großdimensionierte Fabrikanlage Feldkirchs wurde jedoch von ausländischen Investoren errichtet: Der Engländer Peter Kennedy und der Schweizer Caspar Escher bauten 1827 in der Feldkircher Au eine Spinnerei, die ein Jahr später alle Konkurrenzbetriebe im Land übertraf. Die Anlage am heutigen Leonhardsplatz markierte einen Meilenstein der regionalen Industrialisierung. Später übernahm das Unternehmen Getzner, Mutter & Cie. den Betrieb, ehe ein Brand 1902 das Ende der Fabrik besiegelte. Weitere Großbetriebe folgten: Die sogenannte Kanalfabrik, eine Spinnerei und Weberei, wurde im 19. Jahrhundert errichtet, brannte jedoch 1855 ab und wurde im selben Jahr wieder aufgebaut. In Tisis entstand 1860 mit der Weberei und Spinnerei von Vallaster und Leibinger ein weiterer wichtiger Betrieb, der später in andere Unternehmensstrukturen überging.

Villa Mutter in der Reichsstraße 2013. Foto: Böhringer
Villa Mutter in der Reichsstraße 2013. Böhringer

Mehr als Industrie

Eine Besonderheit der Feldkircher Industriegeschichte stellt die Familie Grassmayr dar. Ursprünglich als Glockengießerei tätig, erweiterte sie ihr Portfolio um eine Holzspulenproduktion, eine Baumwollspinnerei und sogar eine Maschinenfabrik in Frastanz. Noch heute sind Spuren dieser Epoche sichtbar: Die Felsenau und die Feldkircher Au wurden durch Fabriken neu geprägt, während im Stadtteil Levis ein großbürgerliches Villenviertel rund um den Bahnhof entstand. Auch markante Einzelbauten wie die von Willibald Braun entworfene Mühle an der Bahnhofstraße erinnern an diese Zeit.

Vorarlberg Mühle mit Wohn- und Bürogebäude in der Reichsstraße 2013. Foto: Böhringer
Vorarlberg Mühle mit Wohn- und Bürogebäude in der Reichsstraße 2013. Böhringer