Wie Getzner die Stadt prägte

Heimat / 18.05.2026 • 13:18 Uhr
Betriebsareal Bleiche, 1985. Foto: Archiv Getzner, Mutter & Cie.
Das Betriebsareal Bleiche, im Jahr 1985. Archiv Getzner, Mutter & Cie.

Mit der Industrialisierung der Textilproduktion veränderte die Bleiche das Stadtbild.

Bludenz Kaum ein Unternehmen hat die industrielle Entwicklung von Bludenz so stark geprägt wie Getzner, Mutter & Cie., die heutige Getzner Textil AG. Bereits 1818 gründeten Christian Getzner, Franz Xaver Mutter und Andreas Gassner das Unternehmen in Bludenz. Getzner und Mutter hatten zuvor Kolonialwarenhandlungen in Feldkirch und Bludenz betrieben. Schon um 1820 arbeiteten viele Heimarbeiter im südlichen Vorarlberg für das junge Unternehmen. Mit der Ansiedlung am Brunnenbach begann der Aufstieg jenes Standorts, der bis heute das Zentrum der Firma bildet: die “Bleiche”. Zunächst war das Unternehmen Pächter der städtischen Bleiche, ab 1854 ging das Areal in seinen Besitz über. Ein erstes schlichtes Webereigebäude entstand 1856 und ist bis heute erhalten. Den entscheidenden Schritt markierte jedoch der Bau der mechanischen Buntweberei im Jahr 1871. Der eingeschossige Shedbau mit klassizistischer Schaufassade galt als technisches Novum, da erstmals eine liegende Antriebswelle eingesetzt wurde.

Bleiche mit Weberei und Druckerturm um 1885. Foto: Archiv Getzner, Mutter & Cie.
Bleiche mit Weberei und Druckerturm um 1885. Archiv Getzner, Mutter & Cie

Expansion

Mit der neuen Fabrik änderte sich auch die Wirtschaftsstruktur der Region. Die zuvor verbreitete Heimarbeit in der Buntweberei wurde zunehmend verdrängt. Viele Lohnweber verloren ihre Existenzgrundlage, gleichzeitig entstand ein enormer Bedarf an Fabrikarbeitskräften. Der Bau der Buntweberei gilt daher als Beginn der großen Einwanderungswelle aus dem Trentino. Im sogenannten “Welschen Viertel” entlang des Brunnenbachs entstanden ab 1873 Wohnhäuser für die neuen Arbeiterfamilien. Der Begriff “welsch” bezog sich auf die italienischsprachigen Zuwanderer, die das Viertel über Jahrzehnte prägten. Je nach wirtschaftlicher Lage arbeiteten zwischen 400 und 700 Menschen in der Bleiche. Trotz der Einschnitte des Ersten Weltkriegs konnte das Unternehmen in der Zwischenkriegszeit weiter expandieren. Neue Gebäude wie ein modernes Kesselhaus und zusätzliche Webereihallen entstanden. Während des Zweiten Weltkriegs blieb die Produktion in eingeschränkter Form aufrecht, im Gegensatz zur Lünerseefabrik in Bürs war die Bleiche jedoch kein direkter Rüstungsbetrieb.

Musterwohnhaus „Liebauhaus“, 2013. Foto: Böhringer
Musterwohnhaus “Liebauhaus”, 2013. Böhringer

Wohnungsbau

In den 1950er-Jahren folgte mit dem Ausbau zum Textilveredelungszentrum eine weitere Modernisierung. Mehrfach wurden Gebäude erweitert oder erneuert, wie das neue Verwaltungsgebäude 1989 sowie moderne Anlagen wie Färberei, Labor und Hochregallager, das 2013 in Betrieb ging. Neben den Arbeiterhäusern im Welschen Viertel entstanden Wohnheime, Fabrikhäuser und später moderne Beamtenwohnungen. Besonders bemerkenswert war das sogenannte Liebauhaus aus Backstein, das 1896 als Musterhaus für eine geplante Arbeitersiedlung errichtet wurde. Warum diese nie umgesetzt wurde, ist bis heute unklar. Während die Arbeiterwohnungen in der Nähe zur Fabrik entstanden, lebten die Unternehmerfamilien Mutter und Gassner in repräsentativen Villen westlich der Altstadt. Die Geschichte der Bleiche zeigt die Entwicklung eines Industrieunternehmens und wie eng Industrialisierung, Stadtentwicklung und soziale Veränderungen miteinander verbunden waren. MEC

Privatbeamtenhäuser in der Austraße, 2013. Foto: Böhringer
Privatbeamtenhäuser in der Austraße, 2013. Böhringer