Bildung im Quartier

30.11.2017 • 15:05 Uhr / 6 Minuten Lesezeit

Das Prinzip der Inklusion inspiriert aktuell Schulbauten in Europa. Hier zeichnet
sich ein Paradigmenwechsel ab. Architektur ist hierfür nicht mehr, aber auch nicht
weniger als das Medium eines Willens zur Gestaltung von Gesellschaft.

Bis eine Schule ihren Nutzer(innen) übergeben werden kann, vergehen nicht selten viele Jahre. Als Grundlage für die Planung eines neuen Schulgebäudes steht z. B. die Analyse demografischer Entwicklungsszenarien. Wie wird sich der Bedarf entwickeln? Wie viele Kinder werden in einem Stadtteil, einem Dorf in den nächsten Jahren erwartet? Was kann der Schulbau für das Quartier bedeuten? Welche Funktionen kann der Bau auch als öffentlicher oder halböffentlicher Raum für die Umgebung wahrnehmen?

Gute Schule. Was bedeutet das? Gute Schule, das ist zunächst guter Unterricht. Eine Kultur, in der Lehrende und Lernende zusammenfinden, unabhängig von Rolle und Alter. Für die Stadtplanung bedeutet eine gute Schule darüber hinaus zunächst das Finden eines guten Projektstandortes. Für den Schulbau selbst geht es schließlich darum, ob und wie ein pädagogisches Konzept Eingang in die Planung findet; bis zur Fertigstellung gibt es zahlreiche Projektstadien von Wettbewerb bis Realisierung. Gute Schulen, das können auch Bestandsbauten sein, die eine sorgsame Weiterentwicklung erfahren. Viele Schulen aus den 1960er- und 1970er-Jahren überraschen mit Zugängen, die den meisten Erwachsenen heute als Wunschtraum vorkommen, wenn sie an die Schulbauten denken, die in den Jahren danach entstanden sind und die sie selbst besucht haben. Kindergärten, Schulen, Arbeitsräume, öffentliche Räume prägen uns ebenso wie Räume zum Wohnen. Der italienische Reformpädagoge Loris Malaguzzi hat den Schulraum als den „dritten Pädagogen“ beschrieben.

Die Schule Schendlingen ist ein gelungenes Beispiel. Ihr ging eine jahrelane Diskussion um Standort und Schulform voraus. Nun wurden Volksschule und Neue Mittelschule in einem Bau zusammengefasst.

Großartig sind dabei die Kombination der Räume, die bewusst gesetzten Übergänge, ihre Verschränkungen, die ein Von- und Miteinanderlernen möglich machen.

Das städtische Umfeld ist ge­prägt von Einfamilienhäusern und Wohnzeilen, der Kirche. Erstmals wurde in Vorarlberg versucht, ein Lern- und auch ein Lebensumfeld für Kinder und Jugendliche von 6 bis 14 Jahren neu zu schaffen. 65 Prozent der Kinder haben andere Muttersprachen als Deutsch. Diese Herausforderung tragen vor allem die Padägog(inn)en, war aber auch bereits in der Vorbereitung des Architekturwettbewerbs 2014 ein Thema, den die Architekten Matthias Bär, Bernd Riegger und Querformat gewannen. Im bislang größten Pflichtschul-Bauprojekt Vorarlbergs besuchen 300 Schüler(innen) die Volksschule, 270 die Neue Mit­telschule. Das neue Schulgebäude zeigt sich als dreigeschoßiger Solitär. Prägnant ist Sichtbeton als Material. Im Inneren eröffnet sich den Nutzer(inne)n ein erstaunlich vielfältiger Mikrokosmos in Form von acht „Kleinschulen“, gemeinsam nutzbaren Fachräumen und mehreren Höfen für Belichtung und Kommunikation. Jede hat Eingangsbereiche, Zonen für Kommunikation und Konzentration, Räume zur Vorbereitung für das Lehrpersonal. Das Herzstück ist ein Lichthof über alle Geschoße. Im Erdgeschoß ist er Aula und Begegnungszone der „gemeinsamen Schule“, auch Ort für die Mittagsbetreuung. In den Obergeschoßen dieser transparenten Mittelzone sind Fachräume untergebracht. Das gemeinsame Zentrum verbindet und gliedert: Es teilt den Gebäudekomplex in einen westlichen Volksschul- und in einen östlichen Mittelschulteil. Im Lichthof docken zudem allgemeine Zonen wie die Direktionen mit Besprechungs- und Konferenzräumen, Bibliothek, Sozialbereich, multifunktionaler Bewegungsraum sowie Räumlichkeiten für die städtische
Musikschule an.

Beim Materialkonzept dominieren im Inneren neben Sichtbeton und Glas naturbelassene Materialien: Holzfenster, Akustik-Lochdecken in Weißtanne, sägeraue Holzböden und Möbel aus Esche. Es finden sich zudem Decken aus eigens entwickelten Wollfilz-
elementen, die für eine angenehme Raumakustik sorgen und das Wohnraumgefühl verstärken.

Die neue Schule Schendlingen punktet mit Licht, Durchsicht, Orientierung, fließenden Übergängen und bieten den idealen räumlichen Rahmen für das von einer inno-
vativen Direktion mitentwickelte pädagogische Konzept.

Kompakte Großform Die Schule wurde als dreigeschoßiger Solitär unter Einbeziehung der bestehenden Turnhalle ausgeführt.

Kompakte Großform Die Schule wurde als dreigeschoßiger
Solitär unter Einbeziehung der bestehenden Turnhalle ausgeführt.

Rund um den Schulbau gibt es zahlreiche Freiflächen mit Raum für Sport und Spiel.

Rund um den Schulbau gibt es zahlreiche Freiflächen mit Raum
für Sport und Spiel.

Der zentrale Lichthof ist ein großer, multifunktionaler Raum. Er dient dem Verweilen, Spielen, für Veranstaltungen und ist Erschließungszone.

Der zentrale Lichthof ist ein großer, multifunktionaler Raum. Er dient dem Verweilen, Spielen, für Veranstaltungen und ist Erschließungszone.

Haus im Haus. Die Häuser oder auch „Kleinschulen“ sind ver-schieden organisiert. Konzentration, Kommunikation, Spiel findet hier den passenden Raum.

Haus im Haus. Die Häuser oder auch „Kleinschulen“ sind ver-
schieden organisiert. Konzentration, Kommunikation, Spiel findet hier
den passenden Raum.

Flexible Möblierung. Offene Unterrichtsformen fördern Eigenständigkeit. Licht und Luft sind für geistige Arbeit wichtig.

Flexible Möblierung. Offene Unterrichtsformen fördern Eigenständigkeit. Licht und Luft sind für geistige Arbeit wichtig.

Fachräume für Technisches und Textiles Werken, EDV, eine Küche. Viele davon sind für mehrere Nutzungen offen.

Fachräume für Technisches und Textiles Werken, EDV, eine Küche. Viele davon sind für mehrere Nutzungen offen.

Der Gang ist mehr als nur Erschließungszone. Breite Gang-flächen ermöglichen auch Begegnung und Lernen außerhalb der „Häuser“.

Der Gang ist mehr als nur Erschließungszone. Breite Gang-
flächen ermöglichen auch Begegnung und Lernen außerhalb der „Häuser“.